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Berserker: Bärenhemd, Pilzrausch und die Wahrheit über die Krieger

10. Oktober 20267 Min. LesezeitRead in English
Ein Wikingerkrieger in einem Bärenfell beißt in den Rand seines Schildes und brüllt, er blickt frontal in die Kamera, hinter ihm ein verschneiter FjordAI

Ein Wort, das jeder kennt, und eine Geschichte, die es so nie gab

"Er ist völlig berserk geworden." Kaum ein Wort aus dem Altnordischen ist so alltäglich geworden wie dieses. Es steht für Wutausbrüche, Rage und Kontrollverlust, und es geht auf eine Gruppe von Kriegern zurück, die in den nordischen Sagas auftreten: die Berserker. Bärenfelle, Schildbeißen, Pilzrausch, unverwundbar: Das Bild, das wir heute haben, ist ein Cocktail aus echten Quellen, späteren Ausschmückungen und einer Theorie aus dem 18. Jahrhundert.

Dieser Artikel sortiert, was wirklich in den Quellen steht, was dazugedichtet wurde und was davon seit Jahrhunderten mitläuft, ohne je belegt worden zu sein.

Kurz gesagt: Berserker waren nach den nordischen Quellen Krieger, die wie von Sinnen kämpften, in Tierfellen auftraten und mit Odin in Verbindung gebracht wurden. Die älteste Erwähnung steht in einem Gedicht um 900 über König Harald Schönhaar. Eine Quelle, die ihren Rausch mit Pilzen oder Drogen verbindet, gibt es nicht. Im 11. Jahrhundert wurden sie in Norwegen verboten, und bis ins 12. Jahrhundert verschwanden ihre organisierten Gruppen.

Zwei Deutungen eines Wortes

Das altnordische "berserkr" setzt sich aus zwei Teilen zusammen. "Serkr" bedeutet "Hemd". Beim ersten Teil, "ber", wird es spannend: Die gängigste Deutung liest ihn als "Bär", das Wort bedeutet dann "Bärenhemd", jemand in einem Bärenfell. Snorri Sturluson, der isländische Gelehrte des 13. Jahrhunderts, las es dagegen als "bar", also "nackt", und verstand darunter Krieger, die ohne Rüstung kämpften.

Die Forschung hat sich über Jahrzehnte hin und her bewegt. Die "Bare-Shirt"-Deutung galt im 19. Jahrhundert lange als abgelöst, kam zwischen den Weltkriegen aber wieder in Mode. Heute gilt "Bärenhemd" als wahrscheinlicher, nicht zuletzt, weil es zu einer ganzen Gruppe tierischer Kriegerbezeichnungen passt. Sicher ist nur: Wer sich "Berserker" nennt, trägt entweder ein Bärenfell oder keinen Panzer, und manche Quellen deuten an, dass beides gleichzeitig gemeint sein kann.

Ein Wikingerkrieger zieht im Morgengrauen vor einem Langhaus ein schweres Bärenfell über die SchulternAI
"Bärenhemd" oder "nacktes Hemd": Schon die Deutung des Wortes ist umstritten.

Ein Gedicht um 900 und eine Schlacht am Fjord

Die älteste erhaltene Erwähnung steht im "Haraldskvæði", auch "Hrafnsmál" ("Rabenlied") genannt, einem Preisgedicht des Hofdichters Þorbjörn Hornklofi auf König Harald Schönhaar von Norwegen, um 900 entstanden. Es beschreibt die Schlacht von Hafrsfjord, in der Harald seine Gegner besiegte, und nennt unter seinen Kriegern Berserker. Dabei verwendet es ein zweites Wort: "úlfheðnar", "Männer in Wolfsfellen". Harald Schönhaar ist übrigens der Vater von Erik Blutaxt. Dass wir das Gedicht überhaupt kennen, verdanken wir Snorri, der es im 13. Jahrhundert überlieferte, und damit laufen fast alle unsere Berserker-Bilder über denselben Autor.

Das ist wichtig, weil es zeigt, dass es nicht um ein einzelnes Bärenfell ging. Es gab eine ganze Familie von Tierkriegern: Bären, Wölfe und in manchen Darstellungen auch Eber. Die Wolfsfell-Krieger tauchen außerdem in der Vatnsdœla saga und der Völsunga saga auf. Alles andere über sie ist deutlich jünger, ein Großteil davon stammt aus dem 13. Jahrhundert, rund 400 Jahre nach der Wikingerzeit.

Krieger in Wolfsfellen stürmen mit erhobenen Speeren von einem Langschiff an einen FjordstrandAI
Hafrsfjord um 900: Das Haraldskvæði nennt die Krieger "Männer in Wolfsfellen".
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Was Snorri schreibt und was ein Bronzefund zeigt

Die bekannteste Beschreibung stammt von Snorri Sturluson in der "Ynglinga saga" (13. Jahrhundert). Odins Männer, schreibt er, zogen ohne Rüstung in den Kampf, waren so wild wie Hunde oder Wölfe, bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie töteten mit einem Schlag, doch weder Feuer noch Eisen konnte ihnen etwas anhaben. Das ist die Quelle fast aller Berserker-Klischees, vom Schildbeißen bis zur Unverwundbarkeit.

Eine ganz andere Spur führt nach Schweden. 1870 fand man auf der Insel Öland bei Torslunda vier Bronzematrizen aus der Vendelzeit (6. oder 7. Jahrhundert), mit denen dünne Bilder für Helme geprägt wurden. Eine davon zeigt einen offenbar einäugigen Tänzer in einem Helm mit Vogelkopf-Hörnern neben einem Krieger in einem Wolfsfell, der einen Speer hält. Viele Forscher lesen das als Szene aus dem Umfeld des Odin-Kultes und des Kampfrausches, andere halten die Deutung für umstritten. Mehr als einen Hinweis liefert der Fund nicht: Er zeigt Krieger in Tierfellen, aber keinen Kampfrausch.

In einer fackelerleuchteten Halle tanzt eine Gestalt in einem Helm mit Vogelkopf-Hörnern neben einem Krieger in einem Wolfsfell mit SpeerAI
Die Torslunda-Platten aus der Vendelzeit: Tänzer und Wolfskrieger, vermutlich ein Odin-Bezug.

Was die Sagas über den "Berserksgang" erzählen

Die Sagas beschreiben einen Zustand, den sie "berserksgangr" nennen, wörtlich den "Gang des Berserkers": einen Kampfrausch, der Kräfte wachsen und Schmerz verschwinden ließ. Anschließend, so die Erzählungen, waren die Krieger erschöpft und kraftlos. In Egils saga heißt es über eine Schar, die den späteren Skalla-Grim begleitet, sie seien "die härtesten Männer" gewesen, "mit einem Hauch von Unheimlichem" bei manchen. Egils Großvater trug den Namen Kveld-Ulf, "Abend-Wolf". In der Saga von Hrólf Kraki sehen die Männer einen großen Bären vor den Kriegern des Königs herlaufen, immer nah beim König.

Das Schildbeißen taucht in den Sagas immer wieder auf und gilt als Zeichen von Furchtlosigkeit oder Wahnsinn. Was dabei Dichtung ist und was Beobachtung, lässt sich nicht trennen: Alle diese Berichte wurden Jahrhunderte nach den Ereignissen aufgeschrieben, von Christen, die diese Krieger zum Teil als Gestalten einer heidnischen Vergangenheit sahen. Dass sie unverwundbar gewesen seien, gehört zur Dichtung: Sie konnten verwundet und getötet werden, im Rausch mag es nur so ausgesehen haben, als spürten sie nichts.

Ein Wikingerkrieger beißt mitten in der Schlachtreihe brüllend in den Rand seines SchildesAI
Das Schildbeißen ist das bekannteste Berserker-Motiv der Sagas.

Warum der Fliegenpilz fast sicher nicht der Grund ist

1784 schlug der schwedische Theologe und Naturforscher Samuel Ödmann vor, die Berserker hätten Fliegenpilze (Amanita muscaria) gegessen, nach dem Vorbild sibirischer Schamanen. Die Idee wurde extrem populär, sie steht bis heute in Dokumentationen und Büchern. Es gibt drei Probleme: Kein altnordischer Text erwähnt Pilze oder einen Trank im Zusammenhang mit dem Berserksgang. Ödmann schloss aus einer Analogie, rund 700 Jahre nach der Wikingerzeit. Und die typische Wirkung des Fliegenpilzes, Schläfrigkeit, Verwirrung und Übelkeit, taugt kaum für koordinierte Sturmtruppen.

Ödmanns Vorbild, der Fliegenpilzgebrauch sibirischer Völker, war in Europa erst 1730 beschrieben worden. 1956 nahm ein Aufsatz von Fabing die Theorie wieder auf, und zeitweise fand sie unter skandinavischen Gelehrten breite Zustimmung. Auch Fliegenpilze in wikingerzeitlichen Gräbern oder Kultkontexten wurden nie gefunden. Die Theorie hält sich vor allem, weil sie eine einfache Erklärung für ein rätselhaftes Phänomen liefert, nicht weil ihr Belege zugrunde liegen.

Eine Hand hält in einem nebligen nordischen Wald einen roten Fliegenpilz mit weißen PunktenAI
Der Fliegenpilz: Eine Theorie von 1784, für die es keine Quelle gibt.

Eine zweite Theorie, mit einem echten Fund

Die Alternative hat dagegen einen Fund im Rücken: Samen des Schwarzen Bilsenkrauts (Hyoscyamus niger) wurden in einem Wikingergrab nahe Fyrkat in Dänemark entdeckt, erstmals 1977 beschrieben. Es handelt sich um das Grab einer Frau aus dem 10. Jahrhundert, vermutlich einer Seherin, mit den Samen in einem Lederbeutel. Fyrkat war eine Ringburg, die Harald Blauzahn um 980 bauen ließ. Die Samen belegen, dass die Pflanze bekannt war und genutzt wurde. Bilsenkraut wurde in Europa übrigens auch zum Würzen von Bier verwendet, bis der Hopfen es zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert verdrängte, und das bayerische Reinheitsgebot von 1516 ließ nur noch Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser zu.

2019 kam Karsten Fatur im Journal of Ethnopharmacology zu dem Schluss, dass Bilsenkraut die beschriebenen Symptome des Berserksgangs besser erkläre als der Fliegenpilz. Aber auch hier gilt: Das ist eine Passung von Symptomen, kein Beleg. Es gibt keinen Hinweis, dass ein Berserker je Bilsenkraut zu sich nahm. Der Fund von Fyrkat zeigt eine Seherin mit der Pflanze, keinen Krieger. Wer es ehrlich zusammenfasst: Die Berserker-Wut könnte auch ein Ritual, eine Trance, Alkohol oder reine Psychologie gewesen sein. Nach einer Darstellung verschlechterten Fliegenpilz oder Alkohol die Kampffähigkeit stark, weshalb manche annehmen, dass der Rausch eher psychologisch erzeugt wurde, etwa durch Rituale und Tänze.

Eine Wikinger-Seherin in einem Kapuzenumhang schüttet an einem Feuer Bilsenkrautsamen in einen LederbeutelAI
In Fyrkat fand man Bilsenkrautsamen im Grab einer Frau, nicht in dem eines Kriegers.

Wie die Berserker aus der Geschichte verschwanden

Mit dem Christentum änderte sich der Blick auf diese Krieger. Nach der Grettis saga verbot Jarl Eiríkr Hákonarson in Norwegen kurz vor seiner Abreise nach England, traditionell 1015, sowohl Berserker als auch Zweikämpfe. Dabei ist die Saga viel später geschrieben worden, das Datum ist also Überlieferung. Das isländische Gesetzbuch Grágás belegte das "Berserker-Gehen" später mit der kleinen Acht, einer Form der Ächtung.

Bis ins 12. Jahrhundert waren organisierte Berserker-Gruppen verschwunden. Was sich hielt, war das Wort, und es wurde über die Jahrhunderte zu dem, was wir heute meinen: ein Mensch, der die Kontrolle verliert.

Ein gotischer Tanz am Kaiserhof

Ein Detail, das kaum jemand kennt: Das Zeremonienbuch des byzantinischen Hofs beschreibt einen "gotischen Tanz", den Angehörige der Warägergarde aufführten, jener nordischen Krieger im Dienst des Kaisers. Sie traten dabei in Tierfellen und Masken auf. Manche Forscher sehen darin einen späten Nachhall der Tierkrieger-Tradition, mitten im Herzen des Byzantinischen Reiches, weit weg von Norwegen und Schweden.

Das zeigt, wie lange sich das Bild des Tierkriegers hielt, auch wenn echte Berserker-Banden längst verschwunden waren. Das Fell blieb als Zeichen, auch als der Rausch nur noch Erinnerung war.

Krieger in Tierfellen und Masken tanzen in einer marmornen byzantinischen PalasthalleAI
Der "gotische Tanz" der Warägergarde in Byzanz: Tierfelle und Masken.

Sieben Behauptungen, sieben Urteile

Wer die Berserker-Klischees schnell prüfen will, findet hier die wichtigsten Behauptungen mit dem, was die Quellen hergeben.

BehauptungUrteil
"Berserker trugen Bärenfelle"Wahrscheinlich: passt zur gängigen Wortdeutung "Bärenhemd" und zu Tierfell-Kriegern auf den Torslunda-Platten
"Sie kämpften ohne Rüstung"Überliefert bei Snorri, zugleich seine Wortdeutung "nacktes Hemd"
"Sie bissen in ihre Schilde"In den Sagas überliefert, sonst nicht belegt
"Sie waren unverwundbar"Dichtung
"Sie aßen Fliegenpilze" Kein Beleg
"Sie nahmen Bilsenkraut"Samen bei Fyrkat belegt, Nutzung durch Krieger nicht
"Sie wurden verboten"Überliefert (Grettis saga, Grágás)
Ein isländischer Gelehrter schreibt im 13. Jahrhundert bei Kerzenlicht in einer Halle mit Torfdach auf PergamentAI
Fast alle Berserker-Beschreibungen gehen auf Texte des 13. Jahrhunderts zurück, wie die von Snorri Sturluson.

Der Überblick auf einen Blick

Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.

EinordnungWas dazugehört
Gut belegtDas Wort "berserkr" und die Wolfskrieger "úlfheðnar" im Haraldskvæði (um 900); die Schlacht von Hafrsfjord als Rahmen; Bronzematrizen von Torslunda (Vendelzeit) mit Tierfellkriegern; Bilsenkrautsamen im Grab einer Frau bei Fyrkat (1977 beschrieben); das spätere Verbot und das Verschwinden der Banden bis ins 12. Jahrhundert
ÜberliefertSchildbeißen, Unverwundbarkeit, "stark wie Bären und Stiere" (Snorri, 13. Jahrhundert); der Berserksgang als Kampfrausch; Eiríkrs Verbot um 1015 (Grettis saga)
UmstrittenOb "ber-" "Bär" oder "nackt" heißt; ob die Torslunda-Szene wirklich Odin und einen Berserker zeigt; ob Drogen im Spiel waren (Fliegenpilz: kein Beleg, Bilsenkraut: Passung, kein Beleg)

Ein Bild aus fünf Blickwinkeln

Berserker zeigen, warum eine Epoche mehr braucht als Namen und Schlachten. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Harald Schönhaar als Person, Hafrsfjord als Ort, die Schlacht als Ereignis, der Kampfrausch des Berserksgang als Idee, die Torslunda-Matrizen als Objekt. So entsteht in der Season Viking Sagas das Gesamtbild einer Zeit, wie die Menschen gelebt, geglaubt und gekämpft haben.

Ein Wort, das mehr überlebte als die Krieger

Am Ende steht eine Ironie: Von den Berserkern wissen wir erstaunlich wenig, aber ihr Name begleitet uns jeden Tag, in jedem Wutausbruch, den wir "berserk" nennen. Was bleibt, ist ein Mosaik: ein Gedicht um 900, bronzene Stempel aus Öland, ein Grab bei Fyrkat und ein Dutzend Sagas, die Jahrhunderte nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden. Es reicht, um zu wissen, dass es Krieger in Tierfellen gab, die mit Odin in Verbindung gebracht wurden. Es reicht nicht, um zu wissen, was sie in diesem Moment taten oder fühlten, bevor sie zuschlugen.

Ein Mann in einem Wolfsfell steht im Morgengrauen auf einem felsigen Fjordufer und blickt aufs MeerAI
Was von den Berserkern blieb: ein Name und ein Rätsel.

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