Das Vierkaiserjahr: Roms wildestes Jahr, 69 n. Chr.
28. September 2026 · HistoryBytes Team
Vier Männer, ein Thron, zwölf Monate
Am 1. Januar 69 n. Chr. sitzt Galba auf dem Thron des Römischen Reiches. Ende Dezember desselben Jahres ist Vespasian Kaiser. Dazwischen liegen zwölf Monate, in denen Rom drei Herrscher verschleißt: Galba wird auf dem Forum erschlagen, Otho nimmt sich nach einer verlorenen Schlacht das Leben, Vitellius wird im eigenen Palast gestellt und getötet. Vier Männer, ein Jahr, drei gewaltsame Tode — kein Wunder, dass Historiker diese Zeit schlicht das Vierkaiserjahr nennen.
So absurd das klingt, es war mehr als eine Kette blutiger Zufälle. Das Vierkaiserjahr war der erste Bürgerkrieg des Kaiserreichs, und er machte sichtbar, was Augustus fast ein Jahrhundert lang sorgfältig verborgen hatte: Die Macht in Rom lag nicht beim Senat und nicht beim Volk, sondern bei denen, die die Schwerter trugen. Wer verstehen will, wie ein scheinbar unerschütterliches Weltreich binnen weniger Monate an den Rand des Zusammenbruchs gerät, findet hier eine der dichtesten Lehrstunden der römischen Geschichte.
Nero tot, und niemand weiß, wer folgen soll
Der Auslöser war Neros Sturz. Nachdem der Senat ihn zum Staatsfeind erklärt hatte, nahm sich Nero am 9. Juni 68 das Leben. Mit ihm endete die Familie, die Rom seit Augustus regiert hatte, die Julisch-Claudische Dynastie. Bis dahin war die Nachfolge im Prinzip eine Familienangelegenheit gewesen. Jetzt gab es keinen Sohn, keinen Neffen, keinen Adoptierten, der den Thron beanspruchen konnte, und plötzlich stand die Frage im Raum, die man vorher nie hatte stellen müssen: Wer darf Kaiser sein?
Die Antwort kam aus Spanien. Galba, ein betagter und kinderloser Statthalter, wurde als Neros Nachfolger anerkannt. Er hatte allerdings ein Problem: Er war nicht beliebt. Seine Finanzpolitik verärgerte viele, und mehrere seiner Unterstützer fühlten sich um den Dank betrogen, den sie sich für ihre Hilfe erwartet hatten. Als Galba dann auch noch einen Erben adoptierte, war der Riss endgültig da. Er wählte Piso Licinianus und überging damit Otho, einen früheren Statthalter Lusitaniens, der fest damit gerechnet hatte, der Auserwählte zu sein.

Zwei Wochen, zwei Kaiser — und ein Soldat mit einem Kopf
Die ersten Tage des Jahres 69 zeigten, wie schnell sich die Lage drehte. Am 1. Januar riefen die Legionen am Rhein ihren Befehlshaber Vitellius, den Statthalter von Niedergermanien, zum Kaiser aus. Damit gab es plötzlich zwei Anwärter, einen in Rom und einen an der Grenze, die beide für sich in Anspruch nahmen, im Namen der Armee zu sprechen.
Doch die eigentliche Entscheidung fiel in Rom selbst. Otho hatte die Prätorianergarde auf seine Seite gebracht, durch Bestechung, wie die antiken Berichte betonen, und am 15. Januar schworen die Gardisten ihm den Eid. Dann zogen sie los. Galba wurde auf dem Forum von den Prätorianern getötet, Piso wurde ermordet, und Galbas Leiche lag auf der Straße, bis ein einfacher Soldat den Kopf an sich nahm und ihn Otho brachte. Nach knapp sieben Monaten war Galbas Herrschaft vorbei, und der Senat bestätigte Otho als neuen Kaiser, weil ihm gar nichts anderes übrig blieb.


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Beliebt, entschlossen, und trotzdem chancenlos
Otho war nicht der Kaiser, als den man ihn erwartet hätte. Er wurde durch Wohltaten und durch den Rückgriff auf Neros gute frühe Jahre schnell populär. Doch er konnte ein Problem nicht wegverhandeln: Vitellius dachte gar nicht daran, zurückzutreten. Otho bot ihm sogar an, ihn zu seinem Schwiegersohn zu machen, aber Vitellius lehnte jedes Friedensangebot ab und ließ seine Truppen weitermarschieren.
Im Februar drangen zwei Heere aus Germanien nach Italien ein. Das eine unter Fabius Valens überquerte die Cottischen Alpen, das andere unter Caecina Alienus die Penninischen Alpen. Otho schickte seine Soldaten den anrückenden Legionen entgegen, und bei Bedriacum fiel die Entscheidung gegen ihn. Am 16. April 69 nahm sich Otho im Alter von 36 Jahren das Leben. Er hatte gerade einmal drei Monate regiert und mit seinem Tod einen Bürgerkrieg beendet, den er selbst mit ausgelöst hatte. Der Gewinner hieß Vitellius, und er zog nach Rom.

Ein schwacher Kaiser und ein Gegner, der abwartete
Vitellius kam im April nach Rom, und von Beginn an lief es schlecht. Antike Berichte zeichnen ihn als schwachen, genusssüchtigen Herrscher, der in Wahrheit von seinen Generälen gelenkt wurde. Das war fatal, denn im Osten wartete jemand, der genau wusste, wie man ein Imperium führt: Vespasian, seit 67 Statthalter von Judäa und mitten in der Niederschlagung des Jüdischen Aufstands.
Die Legionen des Ostens erklärten sich für Vespasian, und bald schlossen sich auch die Legionen an der Donau an. Das Entscheidende an dieser Lage: Vespasian musste nicht selbst nach Rom marschieren. Er konnte sich auf seine Verbündeten stützen, vor allem auf Antonius Primus, einen dynamischen Kommandeur der Donauarmee. Primus stieß mit seinen Männern durch Norditalien, nahm Stadt um Stadt und stellte im Oktober 69 die Truppen des Vitellius zur Entscheidungsschlacht. Wieder war es Bedriacum. Diesmal aber entschied ein einziges Missverständnis.
Wie eine Begrüßung der Sonne eine Schlacht entschied
Die zweite Schlacht von Bedriacum zog sich über die Nacht hin, hart und ohne klare Front. Dann ging die Sonne auf, und die Legio III Gallica tat, was sie seit ihren Jahren in Syrien gewohnt war: Die Soldaten begrüßten die aufgehende Sonne, ein Brauch, den sie im Osten übernommen hatten. Auf der Gegenseite sahen die Vitellianer das jubelnde Heer im Morgenlicht und glaubten, dass Verstärkung eingetroffen war. Die Moral brach zusammen, und die Schlacht war verloren.
Es ist eines dieser Details, die sich schwer erfinden ließen und die trotzdem in den Quellen stehen: Ein Ritual, das mit dem Krieg nichts zu tun hatte, kippte die Entscheidung im Ringen um das Römische Reich. Der Weg nach Rom lag offen. Für vier Legionen war der Ausgang eine Katastrophe: XV Primigenia, I Germanica, IIII Macedonica und XVI Gallia gingen im Zuge dieses Kampfes um den Thron unter. Drei von ihnen hatten auf Vitellius gesetzt, bei der XV. Primigenia ist die Loyalität unter Historikern umstritten. Jahrelang hatten sie dem Reich ehrenvoll gedient, und ein einziges Jahr auf der falschen Seite reichte.

Das Ende des Vitellius und ein Tempel in Flammen
Als Vespasians Heere Rom erreichten, versuchte Vitellius noch, Zeit zu gewinnen. Er schickte Gesandte, begleitet von Vestalinnen, um über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Am nächsten Tag hieß es, der Feind stehe schon vor den Toren. Vitellius versteckte sich, wollte fliehen, kehrte aber ein letztes Mal in den Palast zurück und wurde dort von Vespasians Männern gefunden und getötet.
Bei der Eroberung der Hauptstadt brannte der Tempel des Jupiter nieder, das religiöse Herz des Römischen Staates. Der Senat erkannte Vespasian kurz darauf an, Ende Dezember 69. Rom hatte einen vierten Kaiser in einem einzigen Jahr, und diesmal blieb er. Vespasian regierte bis zu seinem Tod im Jahr 79, und er starb, was in diesen Jahren eine Seltenheit war, eines natürlichen Todes. Die Folgen des Chaos reichten allerdings über das Jahr hinaus: Der Aufstand der Bataver in Germanien brach als direkte Nachwirkung des Bürgerkriegs aus.

Warum dieses Jahr Roms Selbstbild für immer veränderte
Der Geschichtsschreiber Tacitus fasste die Bedeutung dieses Jahres in einem berühmten Gedanken zusammen: Das Geheimnis des Kaiserreichs war aufgeflogen, ein Kaiser konnte auch anderswo gemacht werden als in Rom. Bis 69 hatte die Fiktion gehalten, der Kaiser sei der "Erste Bürger", von Senat und Volk getragen, das Prinzip, das wir schon im SPQR-Artikel kennengelernt haben. Jetzt wusste jeder Soldat und jeder Statthalter, dass es Legionen brauchte, um Kaiser zu werden.
Das hatte Folgen, die bis ans Ende des Reiches spürbar blieben. Die Prätorianer, die 69 zwei Kaiser gemacht hatten, wiederholten das Spiel später auf noch dreistere Art: Im Jahr 193 versteigerten sie den Thron buchstäblich an den Meistbietenden. Das Vierkaiserjahr war so kein Ausrutscher, sondern eine Vorlage, ein Muster, das Rom immer wieder heimsuchte, wenn ein Kaiser starb, ohne dass die Nachfolge geklärt war.
Geschichte, die man spielend versteht
Hinter solchen Wendepunkten steckt genau das, was in HistoryBytes die Season Emperors of Rome trägt: Kaiser, Legionen und die Intrigen, die ein Weltreich formten. Season 1 ist komplett kostenlos spielbar, und wer einmal verstanden hat, wie Macht in Rom wirklich funktionierte, liest das Vierkaiserjahr nicht mehr als Namensliste, sondern als das, was es war: ein Krimi, in dem am Ende der gewann, der Geduld hatte.
Vom Chaos zum Kolosseum
Vespasian gilt als der Mann, der das Reich stabilisierte, und er tat das nicht mit Pathos, sondern mit Pragmatismus. Seine legendären letzten Worte sollen gewesen sein: "Vae, puto deus fio", also "Oje, ich glaube, ich werde zum Gott." Der Mann, der als Sohn eines Steuereintreibers aufgestiegen war, blieb bis zum Schluss ein Spötter.
Und es gibt eine Pointe, die wie gemacht für dieses Jahr wirkt: Otho hatte im Januar noch Geld in den Weiterbau von Neros Goldenem Haus gesteckt, dem verschwenderischen Palast, den Nero nach dem Brand Roms hatte errichten lassen. Vespasian ließ das Gelände später für das Volk öffnen und begann dort mit dem Bau eines Amphitheaters, das wir heute als Kolosseum kennen. Aus dem Chaos des Jahres 69 wuchs also ausgerechnet das Bauwerk, das Rom bis heute repräsentiert.






