Erik Blutaxt: Der Wikingerkönig, der vier Brüder tötete
23. September 2026 · HistoryBytes Team
Der Sohn, der seinen Vater am meisten liebte — und am meisten Brüder tötete
Mit zwölf Jahren bekam Erik Haraldsson von seinem Vater fünf eigene Langschiffe geschenkt — ein Geschenk, das seine Karriere als Plünderer noch vor der Pubertät einläutete. Mit zwanzig Jahren hatte er vier seiner eigenen Brüder töten lassen, um sich den norwegischen Thron zu sichern. Sein Beiname, unter dem er in die Geschichte einging, lässt wenig Interpretationsspielraum: Erik Blutaxt.
Als bevorzugter Sohn von Harald Schönhaar, dem ersten König eines geeinten Norwegens, hätte Erik eigentlich alles gehabt, was ein Wikingerprinz sich wünschen konnte. Stattdessen wurde seine Herrschaft zu einer der blutigsten und kürzesten der norwegischen Königsgeschichte — bevor er, aus seiner eigenen Heimat verstoßen, ausgerechnet in England zweimal König wurde. Passenderweise bringt eine neue Amazon-Prime-Serie mit dem Titel "Bloodaxe" seine Geschichte bald auf die Bildschirme — Zeit, die wahre Version dahinter zu kennen.

Sieben Jahre auf Raubzug, bevor er volljährig war
Den isländischen Sagas zufolge begann Eriks Leben als Wikinger-Anführer bereits mit zwölf Jahren, und was folgte, liest sich wie ein durchgeplanter Ausbildungsweg zur Grausamkeit: Drei Jahre lang plünderte er die Küsten Dänemarks, Frieslands und Sachsens, bevor er weitere vier Jahre lang Schottland und die Gegend um die Irische See heimsuchte. Zu dieser Zeit war er noch nicht einmal zwanzig Jahre alt.
Auf einer dieser Fahrten traf und heiratete er Gunnhild — in den Sagas als mächtige, gefürchtete Figur beschrieben, oft mit Hexerei in Verbindung gebracht. Ihre genaue Herkunft ist unter Historikern umstritten: Manche Quellen nennen sie Tochter des dänischen Königs Gorm des Alten, andere schreiben ihr eine gänzlich andere Abstammung aus Nordnorwegen zu. Eine besonders farbenfrohe Saga-Überlieferung berichtet, Gunnhild habe eine Zeit lang bei zwei finnischen Zauberern in die Lehre der Magie gehen wollen, sie am Ende aber überlistet und töten lassen, um deren Wissen nicht mit anderen teilen zu müssen — eine Geschichte, die zwar historisch kaum verifizierbar ist, aber viel darüber aussagt, welchen Ruf spätere Erzähler ihr zuschrieben.
Fest steht: Gunnhild übte über ihre gesamte Ehe hinweg erheblichen Einfluss auf Erik aus und wird in späteren Quellen sogar als treibende Kraft hinter einigen seiner grausamsten Entscheidungen dargestellt. Nach Eriks Sturz und Tod blieb sie eine einflussreiche, eigenständig handelnde Figur — sie zog ihre Kinder in Skandinavien groß und mischte sich später aktiv in die norwegische Thronfolge ein, weit über Eriks eigenes Leben hinaus.
Vier tote Brüder, ein Thron
Als Harald Schönhaar starb, folgte genau das Chaos, das eine Vielehe mit zahlreichen Söhnen fast zwangsläufig produzierte: mehrere Anwärter auf denselben Thron. Erik, als erklärter Lieblingssohn seines Vaters, handelte entschlossen und brutal — er ließ vier seiner älteren Halbbrüder töten, darunter Bjørn Farmann, König von Vestfold, um jeden ernsthaften Rivalen auszuschalten.
Der Beiname "Blutaxt" wird in unterschiedlichen Quellen unterschiedlich erklärt: Manche führen ihn auf seine frühen, besonders brutalen Plünderungszüge zurück, andere direkt auf den Brudermord selbst. In manchen mittelalterlichen Quellen findet sich sogar die alternative Bezeichnung "Bruder-Mörder" (fratrum interfector) — ein Beiname, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.
Diese Rücksichtslosigkeit sicherte ihm zwar kurzfristig die Krone, doch sie kostete ihn auch die Unterstützung breiter Teile des norwegischen Adels. Ein Königreich, das durch den Mord an der eigenen Familie erobert wurde, stand von Beginn an auf denkbar wackeligen Fundamenten — ein Umstand, der sich schon bald bitter rächen sollte.


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Der Fünfte, den er nicht töten konnte
Ausgerechnet der Bruder, den Erik nicht rechtzeitig ausgeschaltet hatte, wurde ihm zum Verhängnis: Håkon, aufgewachsen am Hof des englischen Königs Æthelstan (daher sein späterer Beiname "Håkon der Gute"), kehrte nach Norwegen zurück und fand dort breite Unterstützung unter den Adligen, die Eriks blutige Herrschaft längst satthatten.
Håkon setzte sich durch, und Erik musste fliehen — ein bemerkenswerter Sturz für einen Mann, der wenige Jahre zuvor noch geglaubt hatte, sich durch systematischen Brudermord dauerhaft abgesichert zu haben. Erik floh mit Gunnhild und den gemeinsamen Kindern über die Nordsee nach England, wo ihn ein gänzlich unerwartetes zweites Kapitel seiner Karriere erwartete.
Vom verstoßenen Norweger zum Herrscher Northumbrias
In England angekommen, gelang Erik etwas, das seine Geschichte noch bemerkenswerter macht: Er wurde nicht nur einmal, sondern zweimal zum König von Northumbria ernannt (947-948 und erneut 952-954), mit Sitz in York — dem damaligen Jórvík, einem der bedeutendsten Machtzentren des wikingerzeitlichen Englands. Erzbischof Wulfstan von York, eine der einflussreichsten religiösen und politischen Figuren Nordenglands, unterstützte Eriks Anspruch aktiv, was seine Position erheblich stärkte.
Northumbria war zu dieser Zeit heiß umkämpftes Terrain zwischen angelsächsischen Königen und verschiedenen wikingischen/hibernonordischen Machthabern — Eriks zweifache Berufung zum König zeigt, wie instabil und wechselhaft die Machtverhältnisse dort tatsächlich waren. Zwischen Eriks beiden Regierungszeiten wechselte die Kontrolle über Northumbria mehrfach hin und her, unter anderem zurück an den englischen König Eadred — ein Muster, das zeigt, wie sehr die Region als eigenständiges politisches Spielfeld funktionierte, fast losgelöst von den Ansprüchen der jeweiligen "offiziellen" Krone in London. Erzbischof Wulfstan selbst geriet später sogar in Verdacht doppelten Spiels und wurde von König Eadred zeitweise inhaftiert — ein Hinweis darauf, wie riskant und wechselhaft politische Bündnisse in dieser Grenzregion waren.
Die Chroniken der Zeit, allen voran die Angelsächsische Chronik, beschreiben seine Herrschaft nüchtern als Fakt, ohne die dramatisierende Sprache der späteren isländischen Sagas — ein Hinweis darauf, dass die "barbarische Tyrann"-Darstellung Eriks vor allem eine spätere literarische Zuspitzung war, nicht zwingend zeitgenössische Wahrnehmung.
Um 954 wurde Erik bei Stainmore in einem Gefecht getötet — sein zweites und letztes Königreich endete damit ebenso gewaltsam, wie seine gesamte Karriere begonnen hatte.

Zwei Quellenwelten, zwei völlig unterschiedliche Eriks
Ein zentrales Problem bei Erik Blutaxt: Die Hauptquellen zu seinem Leben stammen aus höchst unterschiedlichen Traditionen mit höchst unterschiedlicher Zuverlässigkeit. Die isländischen Sagas — allen voran spätere Werke wie die Heimskringla — wurden erst zwei bis drei Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben, von Autoren, die literarische Dramatik erkennbar höher gewichteten als nüchterne Fakten. Genau aus dieser Tradition stammen die blutrünstigsten Details: der systematische Brudermord, Gunnhilds Hexerei, der Beiname "Blutaxt" selbst.
Die englischen Quellen aus Eriks eigener Lebenszeit — vor allem die Angelsächsische Chronik — zeichnen dagegen ein deutlich nüchterneres Bild. Sie erwähnen ihn knapp als "Harolds Sohn", ohne jede der dramatischen Ausschmückungen der späteren Sagas. Dieser Kontrast ist kein Zufall: Zeitgenössische Chronisten hatten selten Interesse daran, Feinde oder ferne nordische Könige literarisch auszuschmücken, während isländische Saga-Autoren Jahrhunderte später explizit spannende, moralisch eindeutige Geschichten erzählen wollten.
Für euch als Leser bedeutet das: Der "Erik Blutaxt", den die meisten Leute kennen — der eiskalte, berechnende Brudermörder —, ist zu erheblichen Teilen eine literarische Konstruktion aus späterer Zeit. Der echte, historische Erik war vermutlich ein ganz gewöhnlicher, ehrgeiziger Machtpolitiker seiner Ära — nur eben einer, dessen Geschichte besonders gute Erzähler bekam.
Was von Erik übrig blieb
Nach Eriks Tod floh Gunnhild mit den gemeinsamen Kindern zurück nach Skandinavien. Bemerkenswert: Einer von Eriks Söhnen, Harald Graumantel, sollte selbst Jahre später König von Norwegen werden — die Blutlinie, die Erik durch den Mord an eigenen Brüdern zu sichern versucht hatte, setzte sich also tatsächlich fort, nur eben über Umwege und eine Generation später.
Die historische Bewertung Eriks bleibt bis heute gespalten: Für die einen ein blutrünstiger Tyrann, dessen Beiname zurecht Angst einflößte; für andere ein pragmatischer, in einer gewalttätigen Zeit erfolgreich agierender Herrscher, dessen Ruf vor allem durch spätere Erzähler zugespitzt wurde. Beide Lesarten stützen sich auf dieselben spärlichen, jahrhundertealten Quellen — ein Grund, warum sein Leben bis heute so viel Raum für Neuinterpretation bietet, wie die kommende Amazon-Serie zeigen dürfte.

Ein Name, der seinen Ruf nie verlor
Erik Blutaxts Geschichte ist am Ende eine über die Kosten der Macht: Er gewann eine Krone durch den Mord an der eigenen Familie und verlor sie trotzdem innerhalb weniger Jahre. Er fand in der Fremde eine zweite, sogar zweifache Chance auf Königtum — und starb doch letztlich im Kampf, weit weg von der Heimat, die ihn einst verstoßen hatte. Ob Tyrann oder pragmatischer Überlebenskünstler: Sein Beiname hat neun Jahrhunderte überdauert, und mit der kommenden Serie wird seine Geschichte bald einem ganz neuen Publikum begegnen — hoffentlich mit etwas mehr Nuance, als die blutige Kurzfassung vermuten lässt.






