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Nofretete: Wem gehört die berühmteste Büste der Antike?

21. Oktober 20267 Min. LesezeitRead in English
Eine bemalte Kalksteinbüste einer altägyptischen Königin mit hoher blauer Krone steht auf einem Sockel in einer dämmrigen Museumshalle unter einem OberlichtAI

Die berühmteste Frau Ägyptens, und sie steht in Berlin

Rund 500.000 Menschen besuchen jedes Jahr im Berliner Neuen Museum eine Kalksteinbüste von 48 Zentimetern Höhe und 20 Kilogramm Gewicht. Sie zeigt Nofretete, die Frau des Pharaos Echnaton, und sie ist ungefähr 3.300 Jahre alt. Ihr Gesicht ist auf Postkarten, Briefmarken und Wahlplakaten gelandet. Und seit 1924, dem Jahr, in dem die Berliner sie erstmals öffentlich zeigten, fordert Ägypten sie zurück.

Am 1. November 2026 jährt sich zum ersten Mal die Eröffnung des Grand Egyptian Museum bei Gizeh, dessen Eröffnung 2025 den Streit neu angefacht hat. Dahinter steht eine Frage, die sich nicht mit einem Satz beantworten lässt: Wurde die Büste 1913 rechtmäßig geteilt, oder wurde Ägypten getäuscht?

Kurz gesagt: Die Büste wurde am 6. Dezember 1912 in Amarna gefunden und kam 1913 durch eine Fundteilung nach Berlin. Ob diese Teilung ehrlich war, ist bis heute der Kern des Streits, und beide Seiten berufen sich auf dasselbe Dokument. Das Neue Museum und die Bundesregierung halten die Erwerbung für rechtmäßig, Ägypten für unethisch oder betrügerisch.

6. Dezember 1912: Amarna

Am 6. Dezember 1912 stieß eine Grabung der Deutschen Orient-Gesellschaft in Amarna auf die Werkstatt des Bildhauers Thutmosis. Das Team stand unter Leitung des Archäologen Ludwig Borchardt, bezahlt wurde es vom Berliner Kaufmann James Simon, einem der reichsten Männer Preußens, der über 20.000 Objekte aus Ägypten und dem Irak ausführte. Zwischen unfertigen Köpfen lag die Büste. Borchardt hielt in seinem Tagebuch fest, man habe plötzlich das lebendigste Kunstwerk Ägyptens in den Händen, und man könne es nicht in Worte fassen, man müsse es sehen.

Die Büste besteht aus einem Kalksteinkern mit bemalten Stuckschichten. Das Gesicht ist fast vollständig erhalten, aber dem linken Auge fehlt der Einsatz, den das rechte hat (ein Quarz in Wachs gefasst). Sie trägt keine Inschrift, wird aber an der blauen Kappenkrone erkannt, die Nofretete auch auf beschrifteten Darstellungen trägt. "Nofretete" heißt "die Schöne ist gekommen". Sie war die Hauptfrau Echnatons, der von 1352 bis 1336 v. Chr. regierte, und hatte sechs Töchter, von denen eine mit Tutanchamun verheiratet war.

Deutsche Archäologen mit Schnurrbärten in Khakijacken und Tropenhelmen und ägyptische Arbeiter in langen Baumwollgewändern fegen 1912 in Amarna den Sand aus dem Raum einer Bildhauerwerkstatt mit Lehmziegelwänden, dahinter ragen Wüstenfelsen aufAI
Amarna, 6. Dezember 1912: Die Werkstatt des Bildhauers Thutmosis wird freigelegt.

Ein Dokument, zwei Lesarten

Damals galt ein Teilungssystem: Die Funde einer Grabung wurden zwischen Ägypten und den Ausgräbern aufgeteilt. Am 20. Januar 1913 trafen sich Borchardt und ein hochrangiger ägyptischer Beamter, um die Funde von 1912 zu teilen. Ein Dokument aus dem Archiv der Deutschen Orient-Gesellschaft von 1924, dessen Verfasser dabei war, hält fest, Borchardt habe die Büste "für uns retten wollen", also für Deutschland.

Was bei der Teilung geschah, erzählen beide Seiten anders. Ägypten sagt: Borchardt zeigte dem französischen Chefinspektor der Altertümerverwaltung, Gustave Lefebvre, ein Foto der Büste, "das Nofretete nicht von ihrer besten Seite zeigte", und die Büste lag in einer Kiste in einem schlecht beleuchteten Raum. Es ist unbekannt, ob Lefebvre sie herausnahm. Borchardt behauptete außerdem fälschlich, sie sei aus Gips und nicht aus Kalkstein. Die Deutsche Orient-Gesellschaft sagt dagegen: Die Funde wurden fair geteilt, Nofretete stand ganz oben auf der Tauschliste, und der Inspektor hätte alles genau ansehen können.

Ein französischer Altertümerinspektor in einem hellen Anzug untersucht 1913 in einem schwach beleuchteten Lagerraum bei Lampenlicht Holzkisten, daneben steht ein deutscher Archäologe in einer Khakijacke neben einer geöffneten, in Tuch gewickelten KisteAI
20. Januar 1913: Die Fundteilung ist das Dokument, auf das sich beide Seiten berufen.
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Versteckt, geschenkt, enthüllt

Die Büste kam 1913 nach Berlin und wurde James Simon übergeben, der sie in seinem Haus aufstellte. Noch im selben Jahr lieh er sie dem Berliner Museum, gemeinsam mit weiteren Funden aus Amarna. Während die übrigen Stücke 1913 und 1914 ausgestellt wurden, hielt man die Büste auf Borchardts Wunsch geheim, 1918 sprach das Museum über eine Ausstellung, wieder verschob man sie auf Borchardts Bitte. 1920 schenkte Simon sie dem Museum, 1923 enthüllte Borchardt sie in seinen Schriften, und 1924 sah das Publikum sie erstmals im Ägyptischen Museum Berlin.

Die Büste wurde zur Sensation und zum Aushängeschild der Berliner Museen. Ägypten bemerkte sie sofort: Seit der Enthüllung 1924 verlangen ägyptische Behörden ihre Rückgabe. Warum die Büste von 1913 bis 1924 geheim blieb, erklären die Quellen nicht. Belegt ist nur, dass es auf Borchardts Wunsch geschah. Die Fälschungstheoretiker, von denen unten die Rede ist, sahen darin ein Indiz, dass etwas nicht stimmt, eine Erklärung, die die Wissenschaft widerlegt hat. Ein Beweis in die eine oder andere Richtung ist die Geheimhaltung nicht.

Bankkeller, Flakturm und Salzbergwerk

Bis 1939 stand die Büste im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel. Mit Kriegsbeginn wurden die Museen geleert. Sie lag zunächst im Keller der Preußischen Staatsbank, im Herbst 1941 brachte man sie in den Zoo-Flakturm in Berlin, das Neue Museum wurde 1943 von der britischen Luftwaffe bombardiert, und am 6. März 1945 kam sie in ein Salzbergwerk in Merkers-Kieselbach in Thüringen.

Dort fand sie im März 1945 die US-Armee, die sie der Einheit für Kunstschutz übergab. Sie kam in die Reichsbank in Frankfurt und im August in die amerikanische Sammelstelle in Wiesbaden, wo sie ab 1946 öffentlich zu sehen war und zehn Jahre blieb. 1956 ging sie nach West-Berlin ins Museum Dahlem, 1967 ins Ägyptische Museum in Charlottenburg, 2005 ins Alte Museum, und im Oktober 2009 kehrte sie als Mittelpunkt in das wiedereröffnete Neue Museum zurück. Schon 1946 forderte auch die DDR sie für die Museumsinsel in Ost-Berlin.

Museumsarbeiter in Arbeitskitteln der 1940er-Jahre tragen bei Lampenlicht eine Holzkiste in einen Salzbergwerksstollen, die Wände glänzen weiß vom SalzAI
Am 6. März 1945 kam die Büste in ein Salzbergwerk in Thüringen, wo die US-Armee sie fand.

Die Forderungen im Überblick

1925 drohte Ägypten, deutsche Grabungen im Land zu verbieten, wenn die Büste nicht zurückkomme. 1929 bot es an, sie gegen andere Stücke zu tauschen, Deutschland lehnte ab. 1933 erwog Hermann Göring, sie dem ägyptischen König Fuad I. als politische Geste zurückzugeben, Hitler lehnte ab und versprach, ein neues Ägyptisches Museum für Nofretete zu bauen. Nach 1945 bat Ägypten die USA um die Büste, die verwiesen es an die neuen deutschen Behörden. 1989 nannte Präsident Mubarak Nofretete in Berlin "Ägyptens beste Botschafterin".

2005 bat Zahi Hawass, damals Ägyptens oberster Altertümerverwalter, die UNESCO um Hilfe. 2007 lehnte Deutschland die Leihgabe für eine dreimonatige Ausstellung in Ägypten ab, mit der Begründung, die Büste sei zu zerbrechlich. 2011 beantragte Ägypten die Rückgabe offiziell, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hielt an ihrer Position fest. Im September 2024 startete Hawass eine Petition, die binnen eines Monats fast 10.000 Unterschriften erreichte. Er fordert dabei nur drei Objekte: die Büste, den Stein von Rosette und den Tierkreis von Dendera, andere Stücke, die rechtmäßig außer Landes gingen, will er nicht zurück.

Ägyptische Beamte mit Tarbusch und dunklen Anzügen und deutsche Beamte in Anzügen der 1920er-Jahre sitzen sich in einem Büro an einem langen Tisch gegenüber, auf dem Tisch steht ein gerahmtes FotoAI
Seit 1924 verhandeln, drohen und fordern beide Seiten.

Was Ägypten sagt, was Berlin sagt

Ägypten wirft Borchardt vor, die Büste verpackt zu haben, um ihren Wert zu verbergen, und sie außer Landes geschmuggelt zu haben. Als Beleg gilt, dass sie in den Fundlisten als bemalte Gipsbüste einer Prinzessin geführt wurde, während Borchardt im Tagebuch klar vom Kopf der Nofretete schrieb. Hawass sagte dazu, Borchardt habe das so beschrieben, damit sein Land die Statue bekomme, er sei unethisch und mit Täuschungsabsicht vorgegangen. Er bezeichnete die Büste aber nicht als Raubkunst und sagte, die Entscheidung liege bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem deutschen Kulturminister.

Berlin verweist auf das Protokoll der Teilung, unterzeichnet von den deutschen Ausgräbern und der französisch geführten ägyptischen Altertümerverwaltung. Das Neue Museum schreibt, die ägyptische Seite habe sich damals die Stele von Echnaton und seiner Familie gewählt, die deutsche Seite die Nofretete-Figur. Die Bundesregierung führt außerdem die Zerbrechlichkeit der Büste, mögliche Präzedenzfälle und eine fehlende Rechtsgrundlage an, denn 1913 gab es heutige internationale Regeln nicht. Nach The Times fürchtet Deutschland, eine Leihgabe könnte ihr dauerhaftes Verschwinden bedeuten. Die ägyptische Archäologin Monica Hanna widerspricht dem Bild der Büste als "Botschafterin".

Die Fälschungsvorwürfe und ihre Widerlegung

2009 behauptete der Schweizer Kunsthistoriker Henri Stierlin, die Büste sei eine Fälschung, vielleicht von Borchardt selbst, um antike Pigmente zu testen. Als Argumente nannte er das fehlende linke Auge, das in Ägypten respektlos gewesen wäre, die ersten wissenschaftlichen Berichte erst 1923, und dass der Kalksteinkern nie datiert wurde. Der Berliner Autor Erdogan Ercivan vermutete, Borchardts Frau habe Modell gestanden, eine weitere These sprach von einer Anfertigung auf Hitlers Befehl in den 1930er-Jahren.

Die Wissenschaft sieht das anders. Friedrich Rathgen untersuchte die Pigmente schon 1923, ihre Zusammensetzung entspricht der 18. Dynastie, und die ETH Zürich bestätigte das 1982. Ein CT-Scan von 2006 unter Alexander Huppertz zeigte im Kern ein faltiges Gesicht, das die äußere Stuckschicht glättet, was nach Huppertz die Schönheitsideale der Zeit spiegeln könnte. Der damalige Museumsdirektor Dietrich Wildung nannte die Fälschungsbehauptungen einen Werbegag. Das fehlende linke Auge erklären andere damit, dass die Büste ein Modell der Werkstatt war, an dem der Meister seinen Schülern zeigte, wie man das Auge baut. Hawass dagegen meint, Thutmosis habe das Auge gemacht, es sei später zerstört worden.

Ein altägyptischer Bildhauer mit bronzefarbener Haut, kurzem schwarzem Haar und weißem Leinenschurz meißelt bei Lampenlicht einen Kalksteinkopf, auf Regalen um ihn stehen unfertige Büsten einer KöniginAI
Die Büste ist wohl ein Modell aus der Werkstatt des Thutmosis, an dem Schüler lernten.

Der Überblick auf einen Blick

Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.

EinordnungWas dazugehört
Gut belegtFund am 6. Dezember 1912 in Amarna durch die Deutsche Orient-Gesellschaft unter Borchardt; Teilung am 20. Januar 1913; Ankunft bei James Simon 1913; Schenkung an das Museum 1920; öffentliche Ausstellung 1924; Auslagerung im Krieg (Bankkeller, Zoo-Flakturm, Salzbergwerk Merkers); Rückkehr ins Neue Museum im Oktober 2009; ägyptische Forderungen seit 1924; Echtheit (Pigmentanalysen 1923 und 1982, CT 2006)
ÜberliefertBorchardts Tagebuch zum Fund; das Dokument von 1924 ("für uns retten"); dass Lefebvre die Büste nicht aus der Kiste nahm (unbekannt); Hitlers Versprechen eines Museums 1933
UmstrittenOb die Teilung 1913 ehrlich war oder Ägypten getäuscht wurde; ob die Büste "Raubkunst" oder ein unethischer Erwerb ist; warum das linke Auge fehlt; ob Rückgabe, Leihgabe oder Verbleib richtig wäre

Ein Bild aus fünf Blickwinkeln

Die Nofretete zeigt, dass ein Objekt mehrere Geschichten trägt. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Ludwig Borchardt als Person, Amarna als Ort, der Fund vom 6. Dezember 1912 und die Teilung vom 20. Januar 1913 als Ereignisse, die Frage der Rückgabe als Idee, die Büste als Objekt. So entsteht in der Season Pharaos of Egypt das Gesamtbild einer Welt, in der ein Kunstwerk 3.300 Jahre später noch Politik macht.

Eine Frau, zwei Heimaten

Nofretete war in Ägypten eine Königin, in Berlin ist sie eine Ikone. Ihr Gesicht wirbt für die Museen der Hauptstadt und steht für den Anspruch eines Landes auf sein Erbe. Ob sie nach Gizeh zurückkehrt, in Berlin bleibt oder irgendwann in beiden Städten zu sehen sein wird, entscheidet nicht die Geschichte, sondern die Politik. Was die Geschichte liefert, ist ein Dokument vom 20. Januar 1913, das zwei Seiten gegensätzlich lesen. Wer es selbst nachliest, findet, dass beide Seiten Teile der Wahrheit haben, und dass die ganze Wahrheit im Raum zwischen Kiste und Foto verloren ging.

Die Fundamente einer antiken Lehmziegelstadt liegen im Morgengrauen auf einer Wüstenebene, dahinter ragen Felswände auf, keine MenschenAI
Amarna heute: Hier lag die Werkstatt, in der die Büste gefunden wurde.

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