Tutanchamuns Grab: Was 1922 wirklich geschah und woher der Fluch kommt
AIWenn Carnarvon vorher aufgegeben hätte
Am 1. November 1922 begann Howard Carter im Tal der Könige die Grabungssaison, die sein Geldgeber Lord Carnarvon als letzte geplant hatte. Carter suchte seit Jahren nach dem Grab eines kaum bekannten Pharaos namens Tutanchamun, und Carnarvon hatte genug davon, Geld in den Sand zu setzen. Drei Tage später stieß einer von Carters Leuten auf eine Stufe im Fels. Es war der Anfang der berühmtesten archäologischen Entdeckung der Geschichte.
Dieser Artikel erzählt, wie es dazu kam, was in der Nacht nach dem Blick durch das kleine Loch angeblich geschah, welchen Streit es danach gab, und warum der berühmteste "Fluch" der Archäologie eher eine Erfindung von Zeitungen und Romanautoren war als das Werk einer Mumie.
Kurz gesagt: Das Grab des Tutanchamun (KV62) wurde am 4. November 1922 von Howard Carter im Tal der Könige entdeckt, die Grabkammer am 16. Februar 1923 geöffnet. Einen Fluch gab es nicht: Lord Carnarvon starb am 5. April 1923 an den Folgen eines infizierten Mückenstichs.
AIEine Stufe, drei Tage nach Saisonbeginn
Carter hatte da schon rund dreißig Jahre in Ägypten gegraben. Um 1907 war er mit Carnarvon in Kontakt gekommen, einem Sammler von Antiquitäten, der ihn mit der Leitung von Grabungen im Tal der Könige beauftragte. Gaston Maspero, der Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, hatte ihn Carnarvon empfohlen, weil er moderne Methoden und Dokumentation anwandte. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Arbeit, in den Kriegsjahren war Carter für die britische Regierung als Kurier und Übersetzer tätig. Danach suchte er gezielt nach Tutanchamun, doch die Funde blieben aus, bis Carnarvon 1922 deutlich machte, dass er nur noch eine Saison zahlen würde.
Am 4. November 1922 entdeckte jemand aus Carters Team eine Stufe im Fels. Wer es war, ist unklar: Nach Carters eigenem Bericht fanden die Arbeiter sie beim Graben unter den Resten von Arbeiterhütten, andere Berichte nennen einen Wasserjungen. Carter ließ die Treppe wieder zuschütten, bis Carnarvon kam, und schickte ihm ein Telegramm: Er habe eine wunderbare Entdeckung gemacht, ein prächtiges Grab mit intakten Siegeln, das er zu seiner Ankunft wieder zugedeckt habe. Carnarvon traf am 23. November ein, zusammen mit seiner Tochter Lady Evelyn.
AI26. November 1922: "Wunderbare Dinge"
Bis zum 24. November war die Treppe freigelegt. Auf der äußeren Tür fand man ein Siegel mit dem Namen Tutanchamuns, dahinter einen mit Schutt gefüllten Gang und eine zweite versiegelte Tür. Am 26. November schlug Carter mit einem Meißel, den ihm seine Großmutter zum 17. Geburtstag geschenkt hatte, ein kleines Loch in die obere linke Ecke dieser Tür und hielt eine Kerze hinein.
Zuerst sah er nichts, weil die heiße Luft die Flamme flackern ließ. Dann tauchten aus dem Dunkel seltsame Tiere, Statuen und überall der Glanz von Gold auf, dazu vergoldete Möbel und Streitwagen, durcheinander gestapelt. Als Carnarvon ihn fragte, ob er etwas sehe, soll Carter geantwortet haben: "Ja, wunderbare Dinge!" Der Satz steht in Carters späterem Bericht und wurde zum berühmtesten Zitat der Archäologie. Ob er genau so fiel, lässt sich nicht mehr prüfen. Ein paraphrasierter Auszug aus Carters Tagebuch vom 26. November 1922 dient übrigens als Klartext für den dritten Teil der verschlüsselten Skulptur Kryptos am CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia.
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Ein angeblich heimlicher Besuch
Der Fund war offiziell noch nicht freigegeben, und es gab Regeln. Trotzdem sollen Carter, Carnarvon, Lady Evelyn und Carters Assistent Arthur Callender noch in derselben Nacht einen unerlaubten Besuch gemacht haben und damit die ersten Menschen der Neuzeit im Grab gewesen sein. Nach einer Darstellung fanden sie ein kleines Loch in der versiegelten Tür, durch das Carter, Carnarvon und Lady Evelyn krochen, während der kräftig gebaute Callender nicht durchpasste.
Am nächsten Morgen, dem 27. November, folgte eine Besichtigung im Beisein eines ägyptischen Beamten, am 29. November wurde das Grab im Beisein geladener Gäste und ägyptischer Beamter offiziell geöffnet. Der nächtliche Besuch ist nur durch spätere Darstellungen überliefert, und ob er so stattfand, ist umstritten.
AIDer lange Weg nach dem Fund
Die eigentliche Grabkammer öffnete Carter am 16. Februar 1923 und fand den Sarkophag. Er bestand aus Stein und enthielt drei ineinandergesteckte Särge, der innerste aus massivem Gold, mit dem mumifizierten Körper des jungen Königs, der rund 3.300 Jahre dort gelegen hatte. Das Katalogisieren und Bergen der Funde dauerte fast zehn Jahre. Zum Team gehörten der Fotograf Harry Burton und der von der ägyptischen Regierung entsandte Chemiker Alfred Lucas. Über 5.000 Objekte kamen aus dem Grab, darunter die berühmte Goldmaske, bis Carter 1932 die Arbeit beendete. Die meisten Stücke liegen in Kairo.
Zwischendurch eskalierte der Streit mit den ägyptischen Behörden. Nach Carnarvons Tod im April 1923 bestand die ägyptische Regierung darauf, dass seine Witwe keinen Zugang zum Grab haben und die Funde in Ägypten dokumentiert statt ins Ausland geschickt werden sollten. Carter empfand die Kontrolle durch die Altertümerverwaltung als übermäßig, die Arbeit ruhte von Februar 1924 bis Januar 1925 fast ein Jahr, bis die Behörden zustimmten, dass er die Räumung beenden durfte. Eine Ehrung durch die britische Regierung erhielt Carter nie.
Howard Carter, 1874 bis 1939
Howard Carter wurde am 9. Mai 1874 geboren und starb am 2. März 1939. Dass ausgerechnet er den Fund machte, lag auch an seiner Hartnäckigkeit: Er blieb überzeugt, dass das Grab des kaum bekannten Tutanchamun noch zu finden sei, auch als die Jahre ohne Ergebnis vergingen. Maspero hatte ihn empfohlen, weil er moderne Methoden und Dokumentation anwandte, und gerade diese Gründlichkeit ist der Grund, warum wir über die Entdeckung so viel wissen.
Berühmt wurde Carter durch diesen einen Fund, in seiner Heimat aber kaum geehrt. Das ändert nichts daran, dass sein Name bis heute mit dem Grab verbunden ist, auch wenn die Stücke selbst größtenteils nach Kairo gingen.
Wie aus einem Mückenstich eine Legende wurde
Etwa am 6. März 1923 stach eine Mücke Lord Carnarvon in die Wange. Die Wunde infizierte sich, es kam eine Lungenentzündung dazu, und er starb am 5. April 1923 in Kairo, Mitte fünfzig. Nach einem schweren Autounfall von 1901 war er anfällig für Infektionen der Brust.
Schon vor seinem Tod, am 24. März 1923, hatte die Schriftstellerin Marie Corelli, eine ältere Romanautorin mit Hang zum Übernatürlichen, in der britischen Presse gewarnt, nach einem seltenen Buch, das sie besitze, folge "die schlimmste Strafe" jedem, der in ein versiegeltes Grab eindringe. Als Carnarvon starb, schien sie recht zu haben. Der Schriftsteller Arthur Conan Doyle, ein Anhänger der Fluchtheorie, sprach von einem "bösen Elementar", den ägyptische Priester beschworen hätten. Fluchgeschichten kannte die Literatur schon länger, auch Conan Doyle und Bram Stoker hatten sie in Romanen erprobt, doch erst Corelli bezog sie auf ein reales Grab.
Dazu kam die Pressesituation: Carnarvon hatte der Times die exklusiven Rechte an der Berichterstattung verkauft, um einen Teil seiner Kosten zurückzuholen.
AIInschrift, Kanarienvogel und Statistik
Eine Fluchinschrift wurde nie gefunden. Der oft zitierte Spruch, der Tod komme auf schnellen Schwingen zu dem, der das Grab des Pharaos berühre, tauchte in der Presse auf und ähnelt auffällig dem, was Corelli aus einem angeblichen arabischen Buch zitierte. Nach einer Darstellung hat ein Reporter eine echte Inschrift zu einer Drohung ausgeschmückt. Auch die Geschichte vom Kanarienvogel, den am Tag der Grabentdeckung eine Kobra gefressen haben soll, ist nicht belegt: Carter hatte zwar einen Kanarienvogel, gab ihn aber einer Freundin namens Minnie Burton in Pflege, und der Vogel war später noch am Leben. Die Legenden um Stromausfälle in Kairo und einen Hund, der in England im selben Moment gestorben sein soll, gehören in dieselbe Kategorie.
Auch die Statistik spricht gegen einen Fluch. Der Ägyptologe Herbert Winlock, damals Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, zählte 1934, dass von den Anwesenden bei der Grabkammeröffnung nur sechs innerhalb von zehn Jahren gestorben waren, je nach Zählung unter 22 bis 26 Personen. 2002 bestätigte Mark Nelson von der Monash University in Melbourne diese Richtung: Die 25 Personen, die einem Fluch am ehesten hätten zum Opfer fallen müssen, starben im Schnitt mit 70. Carter selbst starb 1939 mit 64, Lady Evelyn erst 1980. Bleibt der schwarze Schimmel: Forscher fanden im Grab Bakterien, die bei großer Menge eingeatmet Lungenprobleme auslösen könnten, aber es gibt keinen Beleg, dass jemand daran starb. In westlichen Medien wurde der Fluch später für alles Mögliche verantwortlich gemacht, vom ersten Golfkrieg bis zum Chaos der ägyptischen Revolution, ausgelöst angeblich durch ein Horn aus dem Grab. Und das Motiv der Mumie lebt im Kino weiter, zuletzt in "Lee Cronin's The Mummy" (2026), einem Horrorfilm, der mit Tutanchamun nichts zu tun hat.
AIEin Bild aus fünf Blickwinkeln
Tutanchamuns Grab zeigt, warum eine Epoche mehr braucht als eine Person. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Howard Carter als Person, das Tal der Könige mit dem Grab KV62 als Ort, der 26. November 1922 als Ereignis, der Fluch als Idee, die Goldmaske als Objekt. So entsteht in der Season Pharaos of Egypt das Gesamtbild einer Zeit, wie die Menschen gelebt, geglaubt und gebaut haben, nicht nur eine Liste von Pharaonen.
Von der ersten Stufe bis zum Streit mit den Behörden
Wer die Abläufe schnell nachschlagen will, findet hier die Eckdaten, getrennt nach Entdeckung und Folgen.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1. November 1922 | Beginn der letzten geplanten Grabungssaison |
| 4. November 1922 | Fund der ersten Stufe im Fels, Telegramm an Carnarvon |
| 23. November 1922 | Ankunft Carnarvons und Lady Evelyns (Quellen schwanken zwischen 20. und 23.) |
| 24. November 1922 | Treppe freigelegt, Siegel mit Tutanchamuns Namen an der äußeren Tür |
| 26. November 1922 | Kleiner Durchbruch in der zweiten Tür, "wunderbare Dinge" |
| 27./29. November 1922 | Besichtigung mit ägyptischem Beamten, offizielle Öffnung vor geladenen Gästen |
| 16. Februar 1923 | Öffnung der Grabkammer, Sarkophag |
| 6. März 1923 | Mückenstich bei Lord Carnarvon |
| 24. März 1923 | Marie Corellis Warnung in der britischen Presse |
| 5. April 1923 | Carnarvon stirbt in Kairo |
| Februar 1924 bis Januar 1925 | Streit mit der Altertümerverwaltung, Arbeitspause |
| 1932 | Carter beendet die Arbeit, über 5.000 Objekte geborgen |
| 1934 / 2002 | Winlocks und Nelsons Zählungen gegen den Fluch |
AIDer Überblick auf einen Blick
Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.
| Einordnung | Was dazugehört |
|---|---|
| Belegt | Fund der ersten Stufe am 4. November 1922; Telegramm an Carnarvon; Öffnung der Grabkammer am 16. Februar 1923; Carnarvons Tod am 5. April 1923 an einem infizierten Mückenstich; Marie Corellis Warnung vom 24. März 1923; Streit mit den Behörden 1924/25; Abschluss der Arbeit 1932 |
| Überliefert | Der Wasserjunge als Entdecker der Stufe; Carters Satz "Ja, wunderbare Dinge!"; der nächtliche Besuch am 26. November |
| Legende | Die Fluchinschrift; der Kanarienvogel und die Kobra; Stromausfall in Kairo; der Hund, der in England mitstarb |
Ein Loch in einer Tür und ein Fluch aus Papier
Am Ende steht eine ungewöhnliche Kombination: ein kaum bekannter Pharao, ein Geldgeber kurz vor dem Aufgeben, ein kleines Loch in einer Tür und ein Fluch, der nie in einer Inschrift stand, sondern in Zeitungsspalten. Das Grab war echt, der Schatz war echt, die Mühe der Archäologen war echt. Der Fluch war es nicht. Vielleicht erklärt gerade das, warum die Geschichte nach über hundert Jahren noch immer so gern erzählt wird: Sie bietet beides, die belegte Entdeckung und die Legende, die sich ihr angehängt hat.
AIErlebe das antike Ägypten in HistoryBytes

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