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William Marshal: Wie ein Ritter ohne Land Regent von England wurde

19. Oktober 20268 Min. LesezeitRead in English
Ein Ritter in einem Kettenhemd und einem spitzen Helm mit Nasenschutz reitet im Morgengrauen über ein freies Feld und trägt eine Lanze mit Wimpel, in der Ferne stehen Turnierzelte und BannerAI

Der beste Ritter, der je lebte, und das Buch, das ihn dazu machte

1152 hielt ein König einen kleinen Jungen als Geisel vor einer belagerten Burg. Als er drohte, das Kind aufzuhängen, soll der Vater geantwortet haben, er habe noch Hammer und Amboss, um mehr und bessere Söhne zu schmieden. Der Junge überlebte und wurde 67 Jahre später mit etwa 72 Jahren als Regent Englands begraben. Sein Name ist William Marshal.

Wer die Serie "A Knight of the Seven Kingdoms" kennt, kennt den Typ: den Ritter ohne Land, der von dem lebt, was er mit dem Schwert gewinnt. William Marshal war das echte Gegenstück, ein jüngerer Sohn ohne Erbe, der sich durch Turniere und Dienst bei Königen zum Earl von Pembroke und Regenten von England hocharbeitete.

Kurz gesagt: William Marshal (1146 oder 1147 bis 1219) diente fünf englischen Königen, wurde in Turnieren reich, holte 1189 Richard Löwenherz vom Pferd und regierte ab 1216 als Regent für den neunjährigen Heinrich III. Fast alles, was wir über ihn wissen, steht in einer einzigen Biografie, die seine Familie nach seinem Tod in Auftrag gab.

Hammer und Amboss

Williams Vater John Marshal hatte um 1139 die Seiten gewechselt und die Kaiserin Matilda gegen König Stephan unterstützt, was England in einen 15 Jahre langen Bürgerkrieg stürzte, die "Anarchie". 1152 belagerte Stephan die Burg Newbury und nahm den kleinen William als Geisel, damit John die Burg wie versprochen übergab. John nutzte die Frist, um die Burg zu verstärken und Matildas Anhänger zu warnen.

Als Stephan drohte, William aufzuhängen, antwortete John, er solle es tun, er habe noch Hammer und Amboss, um mehr und bessere Söhne zu schmieden. Danach wurde zum Schein angekündigt, den Jungen mit einer Schleudermaschine auf die Burg zu schießen, aber Stephan brachte es nicht über sich. William blieb noch Monate Geisel und kam erst nach dem Frieden vom November 1153 frei.

Ein mittelalterlicher König im Wappenrock und ein kleiner Junge stehen neben einer Wurfmaschine vor einer belagerten Burg, der König senkt behutsam die Hand, Soldaten sehen zuAI
Newbury, 1152: Der König brachte es nicht über sich, den Jungen zu opfern.

Warum Williams Weg über Turniere führte

William war ein jüngerer Sohn eines niederen Adligen und hatte nichts zu erben. Mit etwa 12 Jahren schickte man ihn in die Normandie, auf die Burg Tancarville, wo er im Haushalt eines Verwandten seiner Mutter zum Ritter ausgebildet wurde: Reiten, Schwert und Lanze, biblische Geschichten, lateinische Gebete und die höfischen Romane, die die Regeln der Ritterlichkeit vermittelten. 1166 wurde er auf einem Feldzug in der Oberen Normandie zum Ritter geschlagen.

Dabei lernte er auch, dass Krieg im 12. Jahrhundert nicht nur um Ehre ging. Der Historiker David Crouch schreibt, es sei auch um Gewinn gegangen, und gerade damit tat sich der junge William schwer: Er konnte seine Kampfsiege nicht in Lösegeld oder Beute ummünzen. Der Earl von Essex soll ihn scherzhaft gefragt haben, wie er vierzig oder sechzig Gegner besiegen und ihm nicht einmal eine Kleinigkeit abgeben könne. Das änderte sich 1167, als er sein erstes Turnier ritt.

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Gefangene, Pferde und Lösegeld

Turniere waren damals keine Schaukämpfe, sondern gefährliche, oft tödliche Scheinschlachten, in denen man Geld verdiente: Wer Gegner gefangen nahm, bekam Lösegeld sowie deren Pferde und Rüstungen. Von 1176 bis 1182 zog William mit dem "Jungen König" Heinrich, dem ältesten Sohn Heinrichs II., durch die Turnierplätze Europas. Er soll vor seinem Tod gesagt haben, er habe in seiner Turnierzeit 500 Ritter besiegt.

Auch er selbst war schon Gefangener gewesen: 1168 geriet er auf einer Reise der Königin Eleonore von Aquitanien in einen Hinterhalt des Guy von Lusignan, der die Königin entführen wollte. Eleonore entkam, Williams Onkel Patrick, Earl von Salisbury, wurde getötet, William wurde am Oberschenkel verwundet und gefangen genommen. Jemand auf der Burg hatte Mitleid und schmuggelte ihm ein Brot, in dem saubere Leinenbinden steckten, das könnte ihm das Leben gerettet haben. Eleonore zahlte das Lösegeld, beeindruckt von den Berichten über seinen Mut. 1170 ernannte Heinrich II. ihn zum Waffenlehrer seines Sohnes, des Jungen Königs.

Zwei Ritter in Kettenhemd und Wappenrock prallen bei einem Turnier-Gefecht auf einem freien Feld aufeinander, auf Holztribünen sitzen Zuschauer, Banner wehenAI
Turniere waren gefährlich und lohnend: Gegner, Pferde und Rüstungen brachten Lösegeld.

Der Vorwurf von 1182 und die verschwundenen zwei Jahre

Ende 1182 wurde William beschuldigt, ein Verhältnis mit der Frau des Jungen Königs, Margarete von Frankreich, zu haben. Der Historiker Thomas Asbridge hält den Vorwurf für sehr wahrscheinlich von Williams Gegnern am Hof erfunden, beweisen lässt es sich nicht. David Crouch vermutet, der eigentliche Vorwurf sei Majestätsbeleidigung gewesen, ausgelöst durch Williams eigene Überheblichkeit und Gier, der Ehebruch sei in der Biografie nur als Ablenkung eingeführt. Anfang 1183 verlor William jedenfalls seinen Platz, im Mai war er von allen Vorwürfen entlastet und wieder dabei.

Am 11. Juni 1183 starb der Junge König. Er bat William auf dem Sterbebett, sein Kreuzzugsgelübde von 1182 einzulösen, und William brach Ende 1183 nach Jerusalem auf. Was er in den zwei Jahren dort tat, ist unbekannt, die ausführliche Biografie schweigt dazu. Georges Duby glaubt, William selbst habe das so gewollt, vielleicht wegen seines geheimen Entschlusses, den Templern beizutreten. Thomas Asbridge hält es für möglich, dass die Kämpfe nicht erzählenswert waren. Nicholas Paul meint dagegen, die Geschichten könnten dem Autor zu unglaubwürdig erschienen sein.

Ein junger Prinz liegt in einer steinernen Kammer im Bett, ein Ritter kniet an seinem Bett, auf einem Stuhl liegt ein Mantel mit einem KreuzAI
1183: Der sterbende Junge König bat William, seinen Kreuzzug anzutreten.

Vom Habenichts zum Earl

1189 deckte William die Flucht Heinrichs II. von Le Mans nach Chinon. Dabei traf er auf Richard, den späteren Löwenherz, der sich gegen seinen Vater gestellt hatte, und warf ihn vom Pferd. William hätte Richard töten können, tötete aber stattdessen dessen Pferd, um das klarzumachen. Er soll der Einzige gewesen sein, der Richard je vom Pferd holte. Nach Heinrichs Tod nahm Richard ihn trotzdem am Hof auf, er brauchte einen solchen Mann für seinen Kreuzzug.

Heinrich II. hatte William kurz vor seinem Tod die Hand von Isabel de Clare versprochen, der Erbin riesiger Besitzungen in England, Wales, der Normandie und Irland. Richard bestätigte das Versprechen, und im August 1189 heirateten die beiden. Aus dem Ritter ohne Land wurde einer der reichsten Männer des Königreichs. Den Titel Earl von Pembroke bekam er erst 1199. Die Ehe scheint aufrichtig gewesen zu sein, von einer Geliebten ist nichts bekannt, was bei Adligen sonst üblich und oft überliefert war. Mit rund 50 Jahren, im Mai 1197, stieg er bei einem festgefahrenen Angriff auf die Burg Milli auf einer Sturmleiter in voller Rüstung auf die Mauer und kämpfte oben, bis Verstärkung kam.

Ein Ritter in voller Rüstung klettert auf einer Sturmleiter auf eine Burgmauer, oben kämpfen Verteidiger, Pfeile fliegenAI
Mai 1197: Mit rund 50 Jahren stieg William in voller Rüstung auf die Mauer von Milli.

Von König John zum neunjährigen Heinrich III.

Nach Richards Tod 1199 unterstützte William Johann Ohneland, doch das Verhältnis kühlte ab, als er 1204 für seine normannischen Besitzungen Philipp II. von Frankreich huldigte. 1207 ging er nach Leinster in Irland, 1213 kehrte er zurück. Als sich die Barone 1215 gegen John erhoben, blieb William loyal und spielte eine führende Rolle bei den Verhandlungen zur Magna Carta, sein Name steht unter den weltlichen Beratern des Königs an erster Stelle.

Als John im Oktober 1216 starb, wählten die königstreuen Barone am 11. November in Gloucester den damals etwa 70-jährigen William zum Beschützer des neunjährigen Heinrich III. und zum "rector regis et regni", dem "Lenker von König und Königreich". Am 20. Mai 1217 führte er in der Schlacht von Lincoln das Heer persönlich an. Der französische Befehlshaber Thomas von Perche fiel, und die Plünderung der Stadt, die auf Ludwigs Seite gestanden hatte, hieß später beschönigend "Lincoln Fair", "Jahrmarkt von Lincoln". Am 24. August 1217 besiegte Hubert de Burgh vor Sandwich die französische Nachschubflotte. Wenige Wochen später, im September 1217, schloss William mit dem französischen Prinzen Ludwig den Vertrag von Lambeth, einen milden Frieden, wofür man ihn kritisierte, der aber die Franzosen schnell aus England brachte. Er gab die Magna Carta neu heraus, erließ die Waldcharta, ließ die königliche Schatzkammer wieder arbeiten und die Richter wieder reisen.

Ein alter Ritter mit weißem Bart in Kettenhemd reitet an der Spitze eines Reiterangriffs durch eine mittelalterliche Stadtstraße, Banner wehenAI
Lincoln, 20. Mai 1217: Mit rund 70 Jahren führte William den Angriff selbst an.

Ein Templer auf dem Sterbebett

Anfang 1219 erkrankte William. Er verließ den Tower von London für sein Gut in Caversham und rief die Barone, den jungen König, den päpstlichen Legaten und weitere Würdenträger zusammen. Er übertrug die Regentschaft dem Legaten, weil er dem Bischof von Winchester und den anderen Magnaten misstraute. Und er löste das Gelübde ein, das er auf dem Kreuzzug abgelegt hatte: Auf dem Sterbebett wurde er in den Templerorden aufgenommen. Er bestimmte, dass seine Leiche und die Bahre mit zwei Seidentüchern bedeckt wurden, die er Jahrzehnte zuvor im Heiligen Land erworben hatte.

William starb am 14. Mai 1219 in Caversham und wurde in der Temple Church in London bestattet, wo sein Grab noch zu sehen ist. Seine fünf Söhne wurden alle Earl von Pembroke und starben ohne rechtmäßige Erben, nach einer Überlieferung, weil ein Bischof von Ferns die Familie verflucht habe. Durch seine Töchter war er Vorfahr der schottischen Könige Bruce und Stewart und, über eine Enkelin, nach Wikipedia aller englischen Monarchen ab Heinrich VIII.

Ein alter Ritter liegt in einer steinernen Kammer im Bett, neben ihm kniet ein Templer in einem weißen Mantel mit rotem Kreuz, im Hintergrund stehen seine SöhneAI
Auf dem Sterbebett 1219 trat William dem Templerorden bei.

Die Biografie, die die Familie bestellte

Fast alles in diesem Artikel stammt aus der "Geschichte des William Marshal" (L'Histoire de Guillaume le Maréchal), einem Gedicht von rund 19.000 Versen, das seine Familie nach seinem Tod in Auftrag gab und das um 1226 fertig war. Als der französische Historiker Paul Meyer es 1881 wiederentdeckte, wurde aus einer schemenhaften Gestalt der anglonormannischen Geschichte eine Figur, deren Leben sich in Einzelheiten rekonstruieren ließ.

Das bringt eine Frage mit sich: Wie viel ist Familien-PR? David Crouch hat dazu einen Aufsatz mit dem Titel "Biography as Propaganda" geschrieben, und die Lücken sprechen für sich: Der Kreuzzug fehlt fast ganz, und der Ehebruchsvorwurf von 1182 dient nach Crouch vielleicht dazu, von einem schwereren Vorwurf abzulenken. Die Geschichte vom Hammer und vom Amboss, das Brot mit den Binden und die 500 besiegten Ritter stehen alle in dieser einen Quelle. Sie sind nicht erfunden, aber sie sind gefärbt.

Der Überblick auf einen Blick

Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.

EinordnungWas dazugehört
Gut belegtWilliams Lebensdaten (1146 oder 1147 bis 14. Mai 1219); Ritterschlag 1166; Tutor des Jungen Königs ab 1170; Heirat mit Isabel de Clare im August 1189; Earl von Pembroke 1199; Magna Carta 1215; Regent ab 11. November 1216; Lincoln am 20. Mai 1217, Frieden von Lambeth im September 1217; Tod und Grab in der Temple Church; Templer-Aufnahme auf dem Sterbebett
ÜberliefertHammer und Amboss in Newbury 1152; das Brot mit Leinenbinden 1168; 500 besiegte Ritter in der Turnierzeit; dass er Richard vom Pferd holte und nur das Pferd tötete; der Fluch des Bischofs von Ferns; der Aufstieg auf die Mauer von Milli
OffenOb der Vorwurf von 1182 erfunden war oder Majestätsbeleidigung meinte; was William im Heiligen Land 1183 bis 1185 tat; ob er "der beste Ritter" war oder die Biografie ihn dazu machte; sein genaues Geburtsjahr; ob er der vierte oder zweite Sohn seines Vaters war

Ein Bild aus fünf Blickwinkeln

William Marshal zeigt, wie ein Ritterleben wirklich aussah: weniger Glanz, mehr Geschäft. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: William Marshal als Person, die Burg Newbury als Ort, die Schlacht von Lincoln 1217 als Ereignis, die Ritterlichkeit als Idee, das Turnier als Objekt der Gewinnsuche, hier vertreten durch seine Rüstung und sein Pferd. So entsteht in der Season Tales of Chivalry das Gesamtbild einer Zeit, in der Ritter nicht nur kämpften, sondern davon lebten.

Der Ritter ohne Land

Dass ein Mann ohne Erbe zum Regenten eines Königreichs wurde, ist ungewöhnlich, aber es war möglich, wenn er gut kämpfte, treu blieb und genug Glück hatte. William tat alle drei, und er hatte Gegner, die ihn beneideten. Was bleibt, ist ein Bild, das zur Hälfte aus Fakten und zur Hälfte aus der Erzählung seiner Familie besteht. In der Temple Church in London liegen noch die Steinfiguren von Rittern, und eine davon wird ihm zugeschrieben. Ob sie ihn zeigt, weiß niemand sicher, aber es passt zu ihm, dass wir ihn nach 800 Jahren noch zu erkennen glauben.

Steinerne Grabfiguren von Rittern liegen im Licht eines Fensters auf dem Boden einer runden Kirche, keine MenschenAI
In der Temple Church in London liegt eine Grabfigur, die William Marshal zugeschrieben wird.

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