Ragnar Lothbrok: Gab es den berühmtesten Wikinger wirklich?
AIEin Gesicht, das jeder kennt, und ein Mann, den niemand sicher belegen kann
Wer heute an einen Wikinger denkt, sieht oft ein bestimmtes Gesicht: das von Travis Fimmel als Ragnar Lothbrok in der Serie "Vikings", die am 3. März 2013 startete und Ende 2020 nach sechs Staffeln endete. Ragnar ist darin ein Bauer aus dem Dorf Kattegat, der nach England aufbricht, zum König aufsteigt und eine ganze Familie von Kriegern hinterlässt.
Die Frage, die danach viele stellen, ist einfach und unbequem: Gab es diesen Mann wirklich? Die ehrliche Antwort lautet: vielleicht, aber ganz sicher nicht so, wie die Serie ihn zeigt. Die Spurensuche führt über isländische Sagas aus dem 13. Jahrhundert, einen belegten Angriff auf Paris im Jahr 845 und ein Heer, das 865 in England landete. Und sie endet bei einer Frage, die Historiker bis heute spaltet.
Kurz gesagt: Ragnar Lothbrok gilt als halb legendäre Figur. Belegt sind ein Wikingerführer namens Reginherus vor Paris im Jahr 845 und ein Heer von Männern, die die Sagas Ragnars Söhne nennen, 865 in England. Alles andere, vom Lindwurm bis zur Schlangengrube, stammt aus den Sagas.
AIDas Problem mit den Quellen
Das Grundproblem bei Ragnar ist schnell erklärt: Fast alles, was wir über sein Leben zu wissen glauben, stammt aus Erzählungen, die Jahrhunderte nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden. Die nordischen Sagas entstanden nach gängiger Einschätzung etwa 200 bis 400 Jahre nach den Geschehnissen, die sie schildern. Die wichtigsten Texte sind die "Ragnars saga loðbrókar" aus dem 13. Jahrhundert, die "Erzählung von Ragnars Söhnen", das Todesgedicht "Krákumál", das ihm in den Mund gelegt wird, und die "Gesta Danorum" des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus um 1200.
Die Wikinger selbst schrieben kaum, und die Chronisten ihrer Gegner interessierten sich für andere Dinge. Die zeitgenössischen Quellen kennen deshalb vor allem Taten, keine Biografie: Die Fränkischen Annalen von Saint-Bertin, noch im 9. Jahrhundert geführt, berichten von einem Wikingerführer namens "Reginherus", und die Angelsächsische Chronik beschreibt ein "großes heidnisches Heer", nennt für dessen Ankunft aber keinen Grund. Ob und wie diese Fäden zu einem einzigen Mann namens Ragnar gehören, ist die eigentliche Streitfrage.
AIEin Beiname statt eines Familiennamens
"Lothbrok" ist kein Nachname, sondern ein Spitzname: Das altnordische "loðbrók" bedeutet "zottelige Hosen", von "loð", behaart oder zottig, und "brók", Hose. Nach den Sagas verdiente er sich den Namen, als er einen riesigen Lindwurm tötete, um die Hand der Königstochter Thora zu gewinnen. Für den Kampf ließ er sich eigens einen dicken Pelzmantel und zottelige Hosen anfertigen.
Auch Ragnars Herkunft sieht in den Sagas anders aus als in der Serie: Dort ist er der Sohn eines Königs, Sigurd Ring, und kein einfacher Bauer. Seine Frauen kennen die Erzähler in mehreren Varianten. Aslaug, in der Saga die Tochter des Drachentöters Sigurd aus der Völsunga-Saga, ist die Mutter seiner berühmtesten Söhne. Lagertha, die in der Serie Ragnars erste Frau ist, kennen wir aus Saxos Erzählung, deren Quellenwert hier derselbe ist wie bei allem, was Saxo über diese Zeit berichtet: Es ist eine Erzählung, kein Beleg.
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Ein Wikingerführer namens Reginherus
Der festeste Boden unter Ragnars Legende ist ein Ereignis, das tatsächlich stattfand. Im März 845 fuhr eine Wikingerflotte die Seine hinauf, plünderte Rouen und stand vor Paris. Der Anführer heißt in den Fränkischen Annalen "Reginherus", eine lateinische Form von Ragnar. Er war den Franken offenbar kein Unbekannter: Um 841 hatte ihm König Karl der Kahle Land in Flandern gegeben, er verlor es aber wieder, samt der Gunst des Königs.
Karl wollte um jeden Preis verhindern, dass das Kloster Saint-Denis bei Paris zerstört wurde, und stellte ein Heer auf, das er auf beide Seiten des Flusses verteilte. Eine wirksame Verteidigung gelang den Franken trotzdem nicht. Die Wikinger zogen erst ab, nachdem Karl ihnen 7.000 Livres Silber und Gold gezahlt hatte, was grob 2.570 Kilogramm entspricht. Ob dieser Reginherus tatsächlich der Ragnar der Sagas ist, bleibt offen. Manche Forscher setzen beide gleich, andere sehen in Ragnar eine Sagenfigur, in die mehrere reale Wikingerführer eingeflossen sind.
AIWie aus mehreren Wikingern ein Held wurde
Wie wird aus mehreren Männern ein einziger Held? Ein Überblick nennt als mögliche Bausteine unter anderem Reginherus, der 845 Paris angriff und unter dem dänischen König Horik gekämpft haben soll, Horik selbst und einen Wikinger namens Ragnall, der im 10. Jahrhundert Northumbria und die Isle of Man eroberte. Zwischen Reginherus und Ragnall liegt mehr als ein Jahrhundert: Wer Ragnar zu einer Person verschmilzt, setzt Ereignisse zusammen, die gar nicht zur selben Zeit passierten.
Das passt zu dem, was Sagas leisten: Sie sammeln Geschichten um eine Leitfigur, bis daraus ein Lebenslauf wird, den keine einzelne Quelle belegt. Das ist weniger ein Fälschungsvorwurf als eine Beschreibung der Erzähltradition. Jede Generation fügte hinzu, was sie über Wikingerhelden erzählen wollte, und Ragnar wurde zum Gefäß dafür.
Zwei Schiffe gegen ein ganzes Königreich
Die Sagas erzählen Ragnars Ende als große Geschichte. Als seine Söhne zu berühmten Kriegern herangewachsen waren, wollte Ragnar nicht zurückstehen und beschloss, England mit nur zwei Schiffen zu erobern. Der Plan ging schief: Er geriet in die Gewalt von König Ælla von Northumbria und wurde der Überlieferung nach in eine Grube voller Schlangen geworfen. Das Todesgedicht "Krákumál" legt ihm dort ein Lied in den Mund, in dem er auf seine Taten zurückblickt, sich auf das Festmahl in Odins Halle freut und seinen Söhnen blutige Rache voraussagt. Als traditionelles Todesjahr gilt 865. Auch das Lied selbst ist verdächtig jung: Das "Krákumál" wurde vermutlich im 12. Jahrhundert in Island verfasst, also gut dreihundert Jahre nach Ragnars angeblichem Tod, und gilt als romantische Ausgestaltung seines Endes.
Moderne Historiker sehen genau an dieser Stelle große Fragezeichen: Für Ragnars Begegnung mit Ælla gibt es keine zeitgenössischen Belege, und selbst die Verbindung zur späteren Invasion ist, wie ein englischer Überblick es formuliert, "eine enorm umstrittene Frage". Die Geschichte erklärt vor allem eines sehr gut: warum die Wikinger England angriffen, jedenfalls in der Version, die ihre Nachfahren hören wollten.
865: Die Landung, die kein Chronist erklärte
Überfälle auf Britannien gab es schon seit fast einem Jahrhundert, doch 865 landete in England ein Wikingerheer, das anders war: größer als alle früheren und bereit, über den Winter zu bleiben. Die Angelsächsische Chronik nannte es das "Große Heidnische Heer". Drei der Anführer sind namentlich bekannt: Halfdan, Ivar, genannt "der Knochenlose", und Ubba, die laut den Sagas Söhne Ragnars waren. Das Heer überwinterte 865/866 in Thetford in East Anglia, beschaffte sich Pferde und zog dann nach Norden. Im November 866 fiel York.
Das Heer stieß zunächst auf kaum Widerstand. Die beiden verfeindeten Könige Northumbrias, Osberht und Ælla, schlossen sich zusammen und griffen York am 21. März 867 an. Beide kamen ums Leben. Die angelsächsischen Berichte sagen, Ælla sei in der Schlacht gefallen, die nordischen Sagas erzählen eine grausamere Rache für Ragnars Tod. Der Feldzug dauerte bis 878, bis zur Schlacht von Edington, und mündete in das Danelaw, das große wikingische Siedlungsgebiet im Osten Englands. Ob Rache wirklich das Motiv war, kann niemand beweisen, die Chronik nennt keinen Grund.
AIVon Ivar bis ins Mittelmeer
Ironischerweise sind Ragnars Söhne leichter zu fassen als er selbst. Halfdan, Ivar und Ubba tauchen als Heerführer in englischen Quellen auf, und dass sie Brüder und Ragnars Söhne waren, steht in den Sagas, die insgesamt sechs Söhne nennen: Björn Eisenseite, Ivar, Sigurd Schlangenauge, Ubba, Hvitserk und Halfdan. Warum Ivar den Beinamen "der Knochenlose" trug, ist unklar. Nach 870 verschwindet sein Name aus den englischen Berichten, und sein Grab soll sich nach einer Überlieferung in einem Massengrab bei Repton in Derbyshire befinden.
869 kehrten Ivar und Ubba nach East Anglia zurück und gelten als die Anführer, unter denen König Edmund getötet wurde. Welche Rolle Halfdan dabei spielte, ist unbekannt. Später verstärkte ein großes Sommerheer unter Bagsecg die Truppen, und Sigurd Schlangenauge fiel 887 in Friesland.
Björn Eisenseite wiederum soll Raubzüge bis ins Mittelmeer geführt haben. Zusammen ergeben die Söhne das, was Ragnar allein nicht liefern kann: eine Spur, die sich in Annalen und Chroniken tatsächlich verfolgen lässt, und die den Vater, ob real oder erfunden, als Ursprung einer ganzen Wikingergeneration erscheinen lässt.
AIKattegat gab es nicht, und Ragnar war kein Bauer
Die Serie sagt selbst von sich, dass sie von den Sagas inspiriert ist, und das ist ehrlich gemeint: Die Sagas wurden Jahrhunderte nach den Ereignissen aufgeschrieben und sind teils frei erzählt. Beim Vergleich fällt trotzdem einiges auf. Das Dorf Kattegat, in dem Ragnar lebt und herrscht, ist erfunden. Der echte Kattegat ist das Meer zwischen Dänemark und Schweden. Ragnar als Bauer, der es zum König bringt, passt ebenfalls nicht zu den Sagas, in denen er der Sohn eines Königs ist.
Auch Verwandtschaften sind Fernsehen: Rollo, der in der Serie Ragnars Bruder ist, hat nach einer Einordnung der Serie in der Forschung keine belegte Verbindung zu Ragnar. Und die Reise nach England, Ragnars Aufstieg zum Herrscher über Kattegat und seine Abfolge von Frauen folgen mehr der Dramaturgie als den Quellen. Ragnar selbst steht nur in den ersten vier Staffeln im Mittelpunkt, danach erzählt die Serie vor allem die Geschichte seiner Söhne. Das macht die Serie nicht schlechter, aber es zeigt, wie viel von dem, was wir über Ragnar zu wissen glauben, Erzählung ist.
AIDer Überblick auf einen Blick
Bevor es ans Fazit geht, die Kurzfassung, damit bei so vielen Namen und Jahreszahlen nichts verloren geht. Zwischen dem, was Quellen stützen, dem, was Historiker diskutieren, und dem, was erst die Sagas hinzufügen, liegen bei Ragnar ungewöhnlich viele Schichten.
| Einordnung | Was dazugehört |
|---|---|
| Belegt | Wikingerangriff auf Paris 845 unter "Reginherus" mit 7.000 Livres Lösegeld; Landung des Großen Heidnischen Heeres 865; Eroberung Yorks 866; Tod von Osberht und Ælla 867; Halfdan, Ivar und Ubba als Heerführer |
| Umstritten | Ob Reginherus und Ragnar dieselbe Person sind; ob die Anführer wirklich Ragnars Söhne waren; ob Rache das Motiv der Invasion war; ob Ragnar mehrere Männer in einer Gestalt vereint |
| Legende | Lindwurm-Kampf und Thora; die zotteligen Hosen; England mit nur zwei Schiffen; Schlangengrube und Todeslied; Aslaug als Mutter der Söhne |
Zwischen Annalen und Sagas
Am Ende steht eine Antwort mit zwei Hälften. Das Historische ist nüchtern: Ein Wikingerführer griff 845 Paris an und kassierte 7.000 Livres Silber, und 865 landete in England ein Heer, angeführt von Männern, die die Sagas Ragnars Söhne nennen. Das Legendäre ist mitreißend: ein Lindwurm, zottelige Hosen, zwei Schiffe gegen ein Königreich, ein Lied in der Schlangengrube.
Genau diese Mischung macht Ragnar so zäh. Er ist nicht einfach ein König, über den ein paar Fakten bekannt sind, sondern eine Figur, in die spätere Generationen alles hineinlegten, was sie sich unter einem Wikingerhelden vorstellten. Ob dahinter ein Mann, zwei oder fünf standen, wird sich vermutlich nie klären lassen.
AIEin Bild aus fünf Blickwinkeln
Eine Legende wie Ragnar zeigt, warum eine Epoche mehr braucht als eine Person. In HistoryBytes ist jede Season deshalb in fünf Kategorien aufgeteilt, und Ragnars Geschichte berührt alle fünf: er und seine Söhne als Personen, York als Ort, die Belagerung von Paris als Ereignis, die Frage nach dem Wert der Sagas als Idee, das Langschiff als Objekt. So entsteht in der Season Viking Sagas das Gesamtbild einer Zeit, wie die Menschen gelebt, gekämpft und erzählt haben, nicht nur eine Liste berühmter Namen.
Ein Name, größer als sein Träger
Ragnar Lothbrok ist vielleicht der Wikinger, an dem sich am besten zeigt, wie Geschichte und Geschichten ineinander übergehen. Fest steht: Die Wikinger griffen Paris an, sie überwinterten in East Anglia, sie nahmen York. Ob ein Mann namens Ragnar all das in Gang setzte, ob er in einer Grube starb oder an einem ganz anderen Ort, ob es ihn gab oder ob er aus mehreren Gestalten zusammengesetzt wurde, hat die Nachwelt nicht davon abgehalten, ihn zu feiern. Was er für uns bleibt, ist ein Stück Wahrheit mit sehr viel Erzählkunst drumherum.
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Viking Sagas
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