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Wo lag Ithaka? Studie: Odysseus' Heimat war keine Insel

20. Oktober 20267 Min. LesezeitRead in English
Eine niedrige grüne Halbinsel mit Olivenbäumen und einer kleinen bronzezeitlichen Bucht liegt im Morgengrauen am Ionischen Meer, zwei bronzezeitliche griechische Fischer in kurzen Wolltuniken ziehen ein Netz aus einem kleinen Holzboot an Land, dahinter erhebt sich die Berglandschaft einer größeren InselAI

Zwanzig Jahre Forschung, eine widerlegte Theorie und ein neues Argument

Am 4. Juli 2026, knapp zwei Wochen vor dem Kinostart von Christopher Nolans "The Odyssey", veröffentlichten zwei Wissenschaftler im Antigone Journal ein Ergebnis, das ihre eigene Lieblingsthese zerlegt und trotzdem rettet. Der Altphilologe James Diggle von der Universität Cambridge und der Geologe John Underhill von der Universität Aberdeen haben zwanzig Jahre lang untersucht, wo Odysseus' Heimat Ithaka lag. Ihre Antwort: nicht auf der Insel, die heute Ithaki heißt, und wohl auf keiner Insel.

Kurz gesagt: Nach Diggle und Underhill lag Homers Ithaka auf Paliki, der westlichen Halbinsel der Insel Kefalonia. Die Geologie zeigt, dass Paliki in der Bronzezeit keine Insel war, und deshalb schlagen die Autoren einen neuen Gedanken vor: Homer nennt Ithaka nirgends eine Insel. Das ist ein Vorschlag der Verfechter dieser Theorie, die gängige Gleichsetzung mit der heutigen Insel Ithaki ist damit nicht erledigt.

Ein bronzezeitliches griechisches Schiff mit dunklem Rumpf läuft im Morgengrauen in eine stille Bucht ein, Männer mit olivfarbener Haut und dunklem Lockenhaar stehen am Bug und blicken zu einem grünen UferAI
In der Odyssee erreicht Odysseus auf einem Schiff der Phäaken seine Heimat.

Drei Hinweise aus der Odyssee

Odysseus beschreibt seine Heimat im 9. Gesang dem Phäakenkönig Alkinoos. Er sagt, Ithaka habe einen Berg, den "Neriton", rings lägen viele Inseln dicht beieinander, Doulichion, Same und das waldreiche Zakynthos, und Ithaka selbst liege niedrig, am weitesten im Meer nach Westen, die anderen weiter abseits nach Osten. Daraus ergeben sich drei Hinweise: Ithaka gehört zu einer Gruppe mit diesen drei Inseln, es liegt westlich von ihnen und es ist niedrig, also nicht gebirgig.

Zakynthos ist unstrittig die heutige Insel dieses Namens, Same setzten schon antike Gelehrte mit Kefalonia gleich. Das lässt für Doulichion und Ithaka nur eine Insel übrig, wenn Ithaka die heutige Insel Ithaki ist. Außerdem passt Ithaki nicht zu den anderen Hinweisen: Es ist die östlichste der Inseln und bergig, mit Felsen, die senkrecht ins Meer fallen.

Ein Kartograf in einer gepuderten Perücke zeichnet im 18. Jahrhundert bei Kerzenlicht an einem Schreibtisch eine Karte der Ionischen Inseln, daneben liegt ein aufgeschlagener alter AtlasAI
Auf einer Karte von Jean-Baptiste d'Anville von 1768 trägt Ithaki den Zusatz "vielleicht auch Dulichium".

Ithaki, Lefkada oder Kefalonia?

Die Frage ist alt. Schon Strabon, der um die Zeitenwende schrieb, scheint in seiner Geographie an einer Stelle Ithaki mit dem homerischen Ithaka gleichzusetzen, an anderer Stelle eher Lefkada. William Gell sah es 1807 auf der Landenge von Aetos auf Ithaki. Der deutsche Archäologe Wilhelm Dörpfeld, der auf Ithaki und Lefkada ausgiebig grub, vertrat 1927, der Palast des Odysseus habe auf Lefkada gelegen, westlich von Nidri an der Südküste. Und der Lokalhistoriker Gerasimos Volterras brachte schon 1903 Paliki ins Spiel.

Die Hypothese, die 2005 das größte Aufsehen erregte, stammt vom Geschäftsmann und Forscher Robert Bittlestone. In seinem Buch "Odysseus Unbound" (Cambridge University Press, 2005, geschrieben mit Hilfe von James Diggle und John Underhill) vertrat er, dass Ithaka die westliche Halbinsel von Kefalonia sei, die heute Paliki heißt, nach ihrer antiken Hauptstadt Paleis. Dann wäre die Insel Ithaki Homers Doulichion, und tatsächlich trug Ithaki auf älteren Karten diesen Namen.

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Eine Halbinsel, die eine Insel sein sollte

Paliki ist ein niedriges Land: Der höchste Punkt liegt bei 517 Metern, während auf Kefalonia der Berg Ainos 1.640 Meter erreicht. Es ist der westlichste Teil der Inselgruppe und passt damit zu den Hinweisen. Es gab nur ein Problem: Paliki ist keine Insel, sondern eine Halbinsel, die über eine rund sechs Kilometer lange und zwei Kilometer breite Landbrücke im Thinia-Tal mit dem Rest von Kefalonia verbunden ist.

Bittlestone fand einen Ausweg bei Strabon. Dieser schrieb über Kefalonia, dort, wo die Insel am schmalsten sei, bilde sie eine niedrige Landenge, die oft "von Meer zu Meer überflutet" werde. Bittlestone folgerte, in der späten Bronzezeit um 1200 v. Chr., zur Zeit des Trojanischen Krieges, habe in diesem Tal ein schiffbarer Meereskanal gelegen, den später Felsstürze nach Erdbeben aufgefüllt hätten. Dann wäre Paliki damals eine echte Insel gewesen.

Ein bronzezeitliches Holzschiff fährt im Morgengrauen durch einen schmalen Meereskanal zwischen zwei niedrigen grünen Hügeln, bronzezeitliche Ruderer mit olivfarbener Haut in kurzen Wolltuniken ziehen die RiemenAI
So stellte sich Bittlestone den Kanal vor. Die Bohrungen von 2026 widerlegen ihn.

Dreizehn Bohrungen und ein widerlegter Kanal

Diese Hypothese ließ sich prüfen, und Diggle und Underhill taten das zwanzig Jahre lang. John Underhill kartierte das Thinia-Tal neu, seine erste Bohrung ging 121,25 Meter tief und fand Meeresfossilien, was zunächst Mut machte. Mit Unterstützung des Geodaten-Unternehmens Fugro folgten LiDAR, seismische Messungen, Luft-Elektromagnetik, Schwere- und Widerstandsprofile. Insgesamt wurden dreizehn Bohrungen niedergebracht, die Kerne lagern heute in Aberdeen.

Das Ergebnis ist eindeutig: Das Thinia-Tal stand zuletzt vor 400.000 bis 290.000 Jahren unter Meerwasser. Ein Meereskanal in römischer Zeit oder in der späten Bronzezeit ist damit widerlegt. Auch Strabons Satz sieht jetzt anders aus: Das griechische Wort, das meist mit "überflutet" übersetzt wird, heißt wörtlich "wird überspült". Strabon beschreibt also Wasser, das über Land fließt, keinen Meereskanal. Die Katochori-Ebene war ein flaches Becken mit einer Wiese, die zeitweise zu einem Süßwassersee wurde, und lief an beiden Enden ins Meer ab. Die Autoren schreiben selbst, "Strabons Kanal" sei Bittlestones Kanal gewesen, nicht der von Strabon.

Homer nennt Ithaka nie eine Insel

Damit schien die Idee tot, Paliki sei Ithaka, denn Bittlestone hielt beides für untrennbar: Ithaka müsse eine Insel sein, also brauche es einen Kanal. James Diggle stellte die Annahme in Frage. Sein Befund: Homer hat viele Gelegenheiten, Ithaka eine Insel zu nennen, tut es aber nie. Er sagt "Land", "Heimatland" oder "Gebiet". Die Schiffsankunft in Gesang 13 landet nicht "auf der Insel", sondern "im Gebiet von Ithaka". Dazu kommt ein feiner sprachlicher Unterschied: Inseln heißen bei Homer ringsum vom Wasser umflossen, Ithaka dagegen nur vom Meer umgeben, und Paliki ist auf drei Seiten von Meer umgeben.

Außerdem gibt es in der Odyssee eine Fähre, die Rinder und Menschen nach Ithaka bringt, und eine Meerenge zwischen Ithaka und Same, in der die Freier Telemachos auflauern. Das passt zum Golf von Argostoli, über den heute noch eine Fähre von Argostoli nach Lixouri fährt. Diggle folgert: Ithaka war eine Halbinsel, Same der Ostteil derselben Insel, und die Insel insgesamt Kefalonia. Das Wort passt nicht in den homerischen Vers, deshalb benutzt Homer es nie, er nennt die Bewohner aber "Kephallenen". Der Name Ithaka sei später auf die heutige Insel Ithaki übergegangen.

Zwei bronzezeitliche griechische Fährleute mit olivfarbener Haut und nackten Armen in kurzen Wolltuniken rudern im Morgengrauen ein kleines Holzboot mit gebogenem Bug und einer Färse und Ziegen über eine ruhige MeerengeAI
In der Odyssee bringen Fährleute Rinder und Menschen nach Ithaka, vielleicht über den Golf von Argostoli.

Warum Ithaki heute Ithaki heißt

Im 5. Jahrhundert v. Chr. hieß die Halbinsel nicht mehr Ithaka: Herodot und Thukydides nennen die gesamte Insel Kephallenia. Aber der Name Ithaka war tief im Bewusstsein der Griechen verankert, und als man ihn suchte und die Halbinsel nicht erkannte, weil man Ithaka für eine Insel hielt, fand man ihn auf der Insel, die Homer Doulichion nennt, der heutigen Ithaki. Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos, der selbst auf Paliki grub und Paliki für Ithaka hielt, schlug eine Erklärung vor: Ein Erdbeben habe Paliki verwüstet, die Bewohner seien auf Doulichion gezogen und hätten ihren Namen mitgenommen.

Auf Paliki selbst gab es Grabungen, unter anderem im Livadi-Sumpf, den Bittlestone als Hafen des Odysseus vorschlug. Sie zeigen nach den Berichten, dass der Ort in der Bronzezeit bedeutsam war.

Der Überblick auf einen Blick

Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.

EinordnungWas dazugehört
Gut belegtHomers Beschreibung in Odyssee 9,21 bis 26 (drei Hinweise); Ithaki ist die östlichste und bergigste der Inseln; Paliki ist niedrig (höchster Punkt 517 m); dreizehn Bohrungen im Thinia-Tal; das Tal stand zuletzt vor 400.000 bis 290.000 Jahren unter Meerwasser; in der späten Bronzezeit gab es dort keinen Meereskanal; Homer nennt Ithaka nirgends ausdrücklich eine Insel; bis ins 18. Jahrhundert trug Ithaki auf Karten den Namen Doulichion
ÜberliefertDass Ithaka einst mit Doulichion verwechselt wurde; Marinatos' Erdbeben-Erklärung für die Namensübertragung; die Deutung von "Strabons Kanal" als Wasser, das über Land fließt
UmstrittenOb Homers Ithaka Paliki war (die Autoren sagen ja, die gängige Gleichsetzung ist Ithaki, Dörpfeld sah Lefkada); ob Homer eine reale Geografie beschrieb oder eine dichterische; ob Ithaka eine Halbinsel oder eine Insel war; ob die sprachlichen Argumente tragen

Die Autoren sind Verfechter

Bei aller Faszination gehört eine Einschränkung dazu: Diggle und Underhill sind keine neutralen Beobachter. Beide arbeiten seit zwanzig Jahren an Bittlestones Hypothese, und der Aufsatz erschien im Antigone Journal, einem offenen Forum für Altertumswissenschaften, in dem die Autoren selbst ihre Ergebnisse darstellen. Die Geowissenschaft, also die Bohrungen und Datierungen, hat dabei Gewicht, denn sie belegt, wann das Tal unter Wasser stand. Das sprachliche Argument, dass Homer Ithaka nie eine Insel nennt, ist dagegen eine Deutung, und das haben die Autoren selbst so formuliert: Es handelt sich um eine "Schlussfolgerung".

Wer das Ergebnis weiterdenkt, bemerkt auch: Es beantwortet nicht, ob es Odysseus gab oder ob Homer einen realen Ort meinte, ohne ihn genau zu kennen. Es sagt nur, dass die Beschreibung im Gedicht besser zu Paliki passt als zu Ithaki. Damit bleibt die Frage offen, und sie ist nach über 2.000 Jahren Streit auch durch dieses Ergebnis nicht entschieden.

Ein Gelehrter mit olivfarbener Haut in einer Tunika vergleicht an einem Schreibtisch bei Lampenlicht zwei Papyrusrollen, hinter ihm stehen Regale voller RollenAI
Am Anfang aller Argumente steht Homers Text, und wie man ihn liest, ist der Streit.

Ein Bild aus fünf Blickwinkeln

Die Suche nach Ithaka zeigt, wie ein Gedicht eine Landkarte prägt. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Wilhelm Dörpfeld als Person, Paliki auf Kefalonia als Ort, die Veröffentlichung vom 4. Juli 2026 als Ereignis, Homers Geografie als Idee, das Papyrus-Fragment der Odyssee aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. in der British Library als Objekt. So entsteht in der Season Echoes of Olympus das Gesamtbild einer Welt, in der Mythos und Landschaft ineinanderlaufen.

Eine Heimat, die man nie ganz findet

Odysseus brauchte zehn Jahre, um nach Hause zu kommen. Die Forscher suchen seit über zwei Jahrtausenden nach dem Zuhause. Vielleicht liegt es auf der Insel, die heute den Namen trägt, vielleicht auf einer Halbinsel im Westen von Kefalonia, vielleicht ist es ein Ort, den Homer aus Erzählungen zusammensetzte. Die Bohrungen haben einen schönen Gedanken zerstört, den Kanal, und einen anderen eröffnet: dass die Griechen den Namen Ithaka verlegten, ohne es zu merken. Ob Odysseus wirklich gelebt hat, weiß niemand. Aber dass seine Heimat nach 3.000 Jahren noch gesucht wird, sagt viel darüber, wie fest Homer die Landschaft Griechenlands geprägt hat.

Ein alter Olivenbaum steht bei Sonnenuntergang auf einer niedrigen Landzunge über dem ruhigen Ionischen Meer, ein Hirte geht mit Ziegen vorbeiAI
Wo Homers Ithaka lag, ist nach über 2.000 Jahren Streit weiter offen.

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