Antikythera-Mechanismus: Was der antike Computer wirklich konnte
AIEin Klumpen Bronze, der Finsternisse vorhersagte
Im Jahr 1900 stießen griechische Schwammtaucher vor der Insel Antikythera auf ein Schiffswrack. Ein Jahr später kam aus dem Wrack ein unscheinbarer Klumpen korrodierter Bronze zutage, der sich als Getriebe aus Zahnrädern entpuppte. Seit mehr als 120 Jahren streiten Forscher darüber, was dieses Gerät konnte. Das Magazin Archaeology macht die Geschichte des Wracks in der Ausgabe September/Oktober 2026 zur Titelgeschichte, und neue Studien aus den Jahren 2024 bis 2026 haben einige Antworten verschoben.
Kurz gesagt: Der Antikythera-Mechanismus war ein handbetriebener Rechner aus Bronze, der Mondphasen, einen Kalender und Finsternisse auf Grundlage babylonischer Zyklen anzeigte. Die Herausgeber der Fachzeitschrift Nature nannten ihn 2006 den ältesten bekannten analogen Computer. Was er genau konnte, ist weniger klar, als es Schlagzeilen vermuten lassen: Ob er die Planeten zeigte, wie genau er rechnete und wann er gebaut wurde, ist bis heute umstritten.
Das größte antike Wrack, das man kennt
Das Wrack von Antikythera gilt als das größte und reichste antike Schiffswrack, das bisher gefunden wurde. Es sank um 65 bis 60 v. Chr. und hatte Bronze- und Marmorstatuen, Luxusgüter und Keramik geladen, die von Osten nach Griechenland unterwegs waren. Entdeckt wurde es um Ostern 1900: Der Kapitän Dimitrios Kontos und seine Schwammtaucher von der Insel Symi waren auf dem Weg zu Fanggründen vor Nordafrika, als ein Sturm sie nach Antikythera trieb. Der Taucher Elias Stadiatis stieg in 45 Meter Tiefe hinab und ließ sich gleich wieder hochziehen. Nach der Überlieferung berichtete er von einem Haufen toter Menschen und Pferde, es waren Bronzestatuen.
Mit der griechischen Marine und dem Bildungsministerium holten die Taucher Statuen, Amphoren und viele andere Stücke herauf. 1901 kam auch der Brocken mit dem Mechanismus ans Licht, wahrscheinlich im Juli. Zunächst hielt man ihn für einen gewöhnlichen Bronzeklumpen. Erst am 17. Mai 1902 bemerkte der Archäologe Valerios Stais im Nationalen Archäologischen Museum in Athen, dass in der verkrusteten Masse ein Zahnrad steckte und lesbare griechische Inschriften zu sehen waren. Das größte Zahnrad hat rund 13 Zentimeter Durchmesser.
AIFünfzig Jahre Rätsel, dann Röntgenstrahlen
Der Mechanismus zerbrach in 82 Fragmente, von denen nur etwa ein Drittel des Originals erhalten ist, darunter 30 korrodierte Bronzezahnräder. Er war ursprünglich etwa so groß wie ein dickes Buch, mit einer Kurbel an der Seite. Lange konnte niemand sagen, was er war. Der Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price beschäftigte sich seit 1951 mit dem Gerät. 1971 durchleuchtete er die Fragmente gemeinsam mit dem griechischen Kernphysiker Charalampos Karakalos mit Röntgen- und Gammastrahlen, und 1974 veröffentlichte er seine Ergebnisse unter dem Titel "Gears from the Greeks", mit dem Untertitel "Ein Kalenderrechner um 80 v. Chr.". Nach Darstellungen erkannte er, dass ein Getriebe aus rund 30 Zahnrädern darin steckte und dass die Rückseite Zyklen anzeigte.
Der nächste Sprung kam 2005 mit dem Antikythera Mechanism Research Project um Tony Freeth, Mike Edmunds und andere, das dreidimensionale Röntgentomografie und Oberflächenbilder nutzte. 2006 erschien in Nature die Entzifferung der Getriebe, 2008 folgte in Nature ein zweiter Aufsatz zu den Zifferblättern der Rückseite, der eine Annahme korrigierte: Das kleine Zifferblatt oben war kein 76-jähriger Kallippischer Zyklus, wie bis dahin gedacht, sondern der Vierjahreszyklus der Olympiaden. 2021 folgte in Scientific Reports ein Modell des ganzen Geräts. Die Deutung hat sich in 120 Jahren immer wieder verschoben.
Mond, Kalender und Finsternisse
Der Durchbruch kam 2006, als ein Team um Tony Freeth Röntgentomografie und Oberflächenbilder kombinierte und die Zahl der entzifferten Inschriften verdoppelte. Das Ergebnis, in Nature veröffentlicht: Der Mechanismus sagte Mond- und Sonnenfinsternisse auf Grundlage babylonischer Zyklen voraus. Seine Zahnräder bildeten zudem die ungleichmäßige Geschwindigkeit des Mondes nach, nach den Autoren ein unerwartet hohes Maß an technischer Raffinesse für die Zeit.
Auf einem weiteren Zifferblatt lief, wie Archaeology berichtet, ein vierjähriger Zyklus sportlicher Wettkämpfe mit. Nach Paul Iversen gehört dazu auch ein rhodisches Fest, die Halieia, was dafür sprechen könnte, dass der Mechanismus auf Rhodos gebaut wurde. Das Gerät war handbetrieben: Man drehte eine Kurbel, und die Zeiger zeigten das Datum, den Mond und die Finsternisse an. Dass es ein Rechner im analogen Sinn war, ist durch die Zahnradketten und die Inschriften gut belegt.

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Kalender, Tierkreis und eine Mondkugel
Die Vorderseite trug ein großes Zifferblatt mit zwei Ringen. Der äußere zeigte die 365 Tage des ägyptischen Kalenders, mit Monatsnamen, der innere einen Tierkreis mit 360 Grad und den zwölf Zeichen, dazu babylonische Sternbildnamen. Der Kalenderring ließ sich drehen: Weil das Sonnenjahr einen Viertel Tag länger ist als 365 Tage, rückte man ihn alle vier Jahre um einen Tag zurück, ein Schalttag von Hand.
Zeiger zeigten das Datum und die Stellungen von Sonne und Mond, vermutlich auch der Planeten, deren Zahnräder fehlen. Dazu kam eine Kugel, halb schwarz und halb silbern, die sich drehte und die Mondphase anzeigte. Man konnte also an der Vorderseite ablesen, an welchem Tag man war, in welchem Tierkreiszeichen Sonne und Mond standen und ob der Mond zu- oder abnahm.
AIZyklen auf Spiralen
Die Rückseite hatte zwei große Spiralen und drei kleine Zifferblätter. Die obere Spirale war ein 19-jähriger Kalender nach dem Metonischen Zyklus und hatte fünf Windungen: 19 Sonnenjahre entsprechen sehr genau 235 Mondmonaten. Auch die Monatsnamen auf diesem Kalender sind bekannt, und sie sind unerwartet korinthischen Ursprungs. Die untere Spirale hatte vier Windungen mit 223 Feldern, eine für jeden Mondmonat des Saros-Zyklus, nach dem sich Finsternisse unter ähnlichen Bedingungen wiederholen, etwa 18 Jahre, 11 Tage und 8 Stunden später. In den Feldern standen Zeichen für vorhergesagte Finsternisse.
Ein kleines Zifferblatt, der Exeligmos, zeigte drei Saros-Zyklen, 54 Jahre, und half, die Uhrzeit der Finsternis zu korrigieren, denn die 8 zusätzlichen Stunden verschieben die Sichtbarkeit um ein Drittel Tag. Das obere kleine Zifferblatt zeigte den Vierjahreszyklus der Olympiaden und der griechischen Wettkämpfe: In seinen vier Sektoren stehen Jahreszahl und Spiele, die Isthmien, Olympia, Nemea und Pythia, dazu das Fest Naa von Dodona und das Fest Halieia von Rhodos. Ein Gerät, das Finsternisse berechnete, verfolgte also auch den Sportkalender.
Inschriften ja, Zahnräder nein
Die Inschriften auf dem Gerät nennen Zyklen der Planeten, darunter die Zahlen 462 für die Venus und 442 für den Saturn. Das macht eine Planetenanzeige wahrscheinlich. Aber die Zahnräder für die Sonne und die Planeten sind nicht erhalten. Das Team um Freeth musste sie 2021 theoretisch entwerfen, in einer Veröffentlichung in Scientific Reports, in der es selbst einräumt, dass die Belege für Sonne und Planeten fehlen.
Die Planetenanzeige bleibt also eine begründete Annahme und kein Beweis. Die Rekonstruktionen passen zu den Inschriften, aber sie sind Vorschläge, und die Teile, die die Frage entscheiden würden, hat man nie gefunden. Seit 2025 und 2026 liegen weitere Entwürfe vor, etwa von Jian-Liang Lin zur Datumsanzeige und von Aristeidis Voulgaris und Kollegen in der Zeitschrift Heritage zu einem Zahnrad auf der Rückseite. Sie zeigen, wie offen das Feld ist.
AIDer Streit um die Genauigkeit
Ob das Gerät praktisch genau rechnete, ist umstritten. Der Forscher Mike Edmunds urteilte 2011, die Fehler der Zahnräder machten es eher zu einem Lehrmodell als zu einem Werkzeug für präzise Vorhersagen. Esteban Szigety und Gustavo Arenas gingen in einem Preprint vom April 2025, also einem Aufsatz, der noch nicht von Fachkollegen geprüft ist, einen Schritt weiter: In einer Simulation hätten sich die angegebenen Fehler so ausgewirkt, dass der Mechanismus bereits nach einem Drittel einer Umdrehung des Sonnenzeigers (120 Grad) blockiert hätte.
Die Autoren ziehen daraus keinen Schluss gegen die Konstruktion: Entweder habe das Gerät nie funktioniert, oder die tatsächlichen Fehler seien kleiner als angegeben, und sie tendieren zur zweiten Lesart, weil 2.000 Jahre unter Wasser die Zähne durch Korrosion verformt haben dürften. Das ist ein Hinweis darauf, wie schwer es ist, aus einem zerstörten Gerät auf das ursprüngliche zu schließen.
Das Rätsel des Kalenderrings
Das jüngste handfeste Ergebnis betrifft den Kalenderring. Chris Budiselic und Kollegen veröffentlichten 2020 Röntgenmessungen der Löcher unter dem zerbrochenen Ring und schätzten ihre Zahl auf 347 bis 367. Graham Woan und Joseph Bayley von der Universität Glasgow werteten dieselben Positionen im Juli 2024 im Horological Journal mit statistischen Verfahren neu aus, die aus der Gravitationswellenforschung stammen. Ihr Ergebnis: Ein Ring mit 360 Löchern ist sehr unwahrscheinlich, 365 Löcher, die dem ägyptischen Kalender entsprochen hätten, ebenfalls, am wahrscheinlichsten sind 354 oder 355, also ein Mondjahr.
Der Ring trägt ägyptische Monatsnamen in griechischer Schrift, das Gerät rechnete aber, so die Autoren, nach einem Mondjahr. Das könnte auf eine Mischung der Traditionen deuten. Eine einzelne ganze Zahl legt die Studie nicht fest. Andere Forscher halten an einem 365-Tage-Ring fest, die Diskussion ist also nicht beendet.
AIRhodos, Korinth oder Epirus?
Wer das Gerät baute, wissen wir nicht, aber die Hinweise liegen auf dem Gerät selbst. Die Monatsnamen gehören in eine korinthische Kalenderfamilie, das spielt auf Korinth und seine Kolonien an. Das Fest Naa gehört nach Dodona im Epirus, die Halieia nach Rhodos, und Paul Iversen schließt daraus, dass der Mechanismus auf Rhodos gebaut worden sein könnte. Das Bild ist uneinheitlich, und es passt zur Welt des Handels, in der Kalender und Feste über das Meer wanderten.
Auch Namen von Erfindern gibt es nicht, aber Cicero nennt zwei: Er erwähnt ähnliche Geräte, die Archimedes und Poseidonios gebaut haben sollen. Ob das Gerät von Antikythera eines davon war oder aus deren Umfeld stammt, ist offen. Dass es nicht das einzige seiner Art war, ist durch Cicero denkbar, aber nicht bewiesen, denn gefunden wurde bisher nur dieses eine.
205 v. Chr., 178 v. Chr. oder später?
Die Datierung ist ebenfalls offen. Nature sprach 2006 von einer Entstehung "um das Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr.". Christian Carman und James Evans schlugen 2014 anhand des Finsternis-Zifferblatts den 12. Mai 205 v. Chr. als Startdatum vor, Paul Iversen kam 2017 aus dem Kalender auf dasselbe Jahr. Aristeidis Voulgaris und zwei Kollegen plädierten in der Zeitschrift Almagest für den Dezember 178 v. Chr.
Beide Daten sind der Startpunkt der Zifferblätter und sagen nicht, wann das Gerät fertiggestellt wurde. Das Wrack datiert in die Jahrzehnte um 60 v. Chr., eine Einigung, ob der Mechanismus kurz vor dem Untergang gebaut wurde oder viel früher, gibt es nicht. Dass man Geräte dieser Art kannte, belegt Cicero: Er beschreibt in seinem Werk über den Staat eine Bronzekugel des Archimedes, auf der der Mond der Sonne um so viele Umläufe hinterherlief, wie es am Himmel der Fall war. Ein viel jüngeres Gerät dieser Art ist eine byzantinische Sonnenuhr mit Zahnradkalender aus der Zeit zwischen 400 und 600 n. Chr. im Londoner Science Museum, das sie als zweitältestes bekanntes Stück seiner Art bezeichnet.
AIEin Skelett, ein Schiffsrumpf und ein zweites Wrack
Das Wrack wird bis heute untersucht. 2016 fand ein internationales Team, das "Return to Antikythera", am 31. August ein menschliches Skelett, die ersten Überreste, die man nach fast 40 Jahren dort barg, die ersten aus einem antiken Wrack in der Zeit der DNA-Analyse. Die Hoffnung war, daraus die Herkunft eines antiken Seemanns zu bestimmen. Ob sich verwertbare DNA erhalten hat, ist nach den veröffentlichten Meldungen offen. 2021 bis 2025 lief ein zweites Fünfjahresprogramm unter Leitung der Universität Genf und der Griechischen Antikenbehörde, das 125 Jahre nach der Entdeckung endete.
Es brachte Teile des Schiffsrumpfes ans Licht, der in der "Schale zuerst"-Bauweise errichtet war, bei der man zuerst die Außenhaut baute und dann das innere Gerüst, mit Holz aus Ulme und Eiche. Dazu kamen der Marmorfuß einer Statue, Amphoren von der Insel Chios und 2023 ein Bartfragment einer Herakles-Statue. Im Juni 2024 fand man außerdem rund 200 Meter vom bekannten Wrack entfernt ein weiteres antikes Wrack. Die Daten fließen in ein dreidimensionales Modell des Fundorts ein.
AIDer Überblick auf einen Blick
Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.
| Einordnung | Was dazugehört |
|---|---|
| Gut belegt | Wrack um 65 bis 60 v. Chr., entdeckt um Ostern 1900 von Kontos' Tauchern aus Symi, Mechanismus 1901 geborgen, Zahnrad am 17. Mai 1902 durch Stais erkannt; Vorderseite mit 365-Tage-Ring, Tierkreis und Mondphasenkugel; Rückseite mit Metonischer Spirale (19 Jahre, 235 Monate), Saros-Spirale (223 Monate), Exeligmos (54 Jahre) und Olympiaden-Zifferblatt (Isthmien, Olympia, Nemea, Pythia, Naa, Halieia); Monatsnamen korinthischer Herkunft; 82 Fragmente, 30 erhaltene Bronzezahnräder; Röntgen-Befunde (2006 und 2021); Anzeige von Mondphasen, Kalender und Finsternissen nach babylonischen Zyklen; Nachbildung der ungleichmäßigen Mondgeschwindigkeit; handbetrieben; Kalenderring mit ägyptischen Monatsnamen und vermutlich 354 oder 355 Löchern (Woan und Bayley 2024) |
| Überliefert | Cicero über die Bronzekugel des Archimedes und ähnliche Geräte des Poseidonios; Price' Datierung "um 80 v. Chr." von 1974; Iversens Hinweis auf die Halieia von Rhodos; Stadiatis' Bericht von "toten Menschen und Pferden" |
| Umstritten oder offen | Ob er alle fünf Planeten zeigte (Zahnräder fehlen); wie genau er rechnete und ob er laufen konnte (Edmunds, Preprint 2025); ob die Löcherzahl 354 oder 365 ist; das Baujahr (205 v. Chr., 178 v. Chr. oder später); ob er auf Rhodos, in Korinth oder im Epirus gebaut wurde; ob es weitere Geräte dieser Art gab |
Ein Bild aus fünf Blickwinkeln
Der Antikythera-Mechanismus zeigt, wie viel in einem einzigen Gegenstand stecken kann. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Archimedes als Person, die Insel Antikythera als Ort, der Fund durch die Schwammtaucher 1900 als Ereignis, die Idee eines Rechners aus Zahnrädern als Idee, der Mechanismus selbst als Objekt. So entsteht in der Season Echoes of Olympus das Gesamtbild einer Welt, in der Wissenschaft, Handel und Kunst eng zusammenhingen.
Ein Rechner ohne Anleitung
Der Antikythera-Mechanismus ist ein Gerät, das mehr Fragen hinterlässt, als es beantwortet. Wir wissen, dass es Zahnräder, Zeiger und Inschriften hatte, dass es den Mond und Finsternisse anzeigte und dass es auf ein Schiff geladen wurde, das um 60 v. Chr. unterging. Wir wissen nicht, ob es lief, wer es baute und für wen. Die Behauptung, das Gerät sei zu fortgeschritten für seine Zeit gewesen, trägt nicht: Die Inschriften sind griechisch, und Cicero beschreibt ein vergleichbares Gerät. Es war ein Werk von Menschen, die mehr konnten, als man ihnen lange zutraute.
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Echoes of Olympus
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