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Azincourt 1415: Wo war die Schlacht, wie viele kämpften?

26. Oktober 20267 Min. LesezeitRead in English
Ein König in Plattenrüstung mit einer an den Helm geschmiedeten Krone reitet im Morgennebel an einer Reihe von Bogenschützen auf einem schlammigen Feld entlang, über ihnen wehen Banner mit Löwen und LilienAI

Die berühmteste Schlacht des Hundertjährigen Krieges, und was wir nicht wissen

Am 25. Oktober 1415, dem Sankt-Crispin-Tag, besiegte ein erschöpftes englisches Heer unter Heinrich V. in Nordfrankreich ein deutlich größeres französisches Ritterheer. Gestern jährte sich der Tag zum 611. Mal. Die Schlacht ist durch mindestens sieben zeitgenössische Berichte belegt, drei davon von Augenzeugen. Trotzdem streiten Historiker bis heute über zwei Grundfragen: Wie viele Männer kämpften auf beiden Seiten, und wo genau fand die Schlacht statt?

Kurz gesagt: Dass die Engländer gewannen, steht fest, ebenso die Rolle des Langbogens, des Schlamms und der engen Front. Offen sind die Zahlen, die je nach Historiker zwischen einem Verhältnis von 4 zu 3 und mehr als 4 zu 1 liegen, der genaue Ort, für den es auf dem traditionellen Feld keinen archäologischen Beleg gibt, und die Frage, wie viele Gefangene Heinrich töten ließ.

Von Harfleur nach Calais, und eine Armee, die schrumpfte

Heinrichs Heer landete am 13. August 1415 in Nordfrankreich. Es bestand nach den Quellen aus etwa 12.000 Männern und bis zu 20.000 Pferden und belagerte den Hafen Harfleur. Die Stadt ergab sich am 22. September, aber die Belagerung dauerte länger als geplant, und viele Soldaten starben an Krankheiten. Statt zurück nach England zu segeln, marschierte Heinrich mit etwa 9.000 Mann durch die Normandie nach Calais, um zu zeigen, dass sein Anspruch auf das Herzogtum mehr als eine rechtliche Behauptung war.

Der Marsch ging nicht glatt: Die Franzosen sperrten die Somme, sodass die Engländer nach Süden ausweichen mussten, um eine Furt zu finden. Am Ende hatten sie 260 Meilen (420 Kilometer) in zweieinhalb Wochen zurückgelegt, hatten kaum Essen und litten an Ruhr. Das französische Heer, das der Connétable Charles d'Albret führte, weil König Karl VI. wegen einer Geisteskrankheit nicht regieren konnte, verstellte ihnen den Weg nach Calais.

Englische Soldaten und Bogenschützen ziehen im Oktober 1415 im Herbstregen in einer langen Kolonne über eine schlammige Straße, dazwischen Wagen und Banner, nasse Felder links und rechtsAI
260 Meilen in zweieinhalb Wochen: Heinrichs Heer war hungrig und krank.

Schlamm, Wald und Stachelpfähle

Die Schlacht fand auf frisch gepflügtem Land statt, eingeklemmt zwischen dichten Wäldern, was die Engländer begünstigte: wegen der Enge und wegen des tiefen Schlamms, durch den die französischen Ritter gehen mussten. Heinrich stellte seine Männer in drei Gruppen über einer Front von rund 690 Metern auf, mit den Männern in Platte und Kettenpanzer in der Mitte und den Langbogenschützen an den Flanken. Etwa 80 Prozent seines Heeres waren englische und walisische Bogenschützen.

Die Schützen rammten zugespitzte Holzpfähle schräg in den Boden, damit die Reiterei abdrehte. Das war für die Engländer neu und könnte von der Schlacht von Nikopolis 1396 inspiriert gewesen sein, wo die Osmanen die Taktik gegen französische Reiter einsetzten. Die französischen Ritter dagegen trugen Rüstungen von 23 bis 27 Kilogramm, mussten den Kopf gesenkt halten, um nicht ins Gesicht getroffen zu werden, und gingen mehrere hundert Meter durch klebrigen Lehm. Nach Barker sollen manche Ritter sogar in ihren Helmen im Schlamm ertrunken sein, darunter d'Albret.

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Wer wartete, gewann

Drei Stunden nach Sonnenaufgang geschah nichts. Die Lehrbücher der Zeit sagten, wer gegen einen stehenden Gegner anmarschiert, verliert. Die Franzosen warteten auf Verstärkung, Heinrich dagegen musste angreifen, weil sein Heer immer schwächer wurde. Er ließ die Pfähle ausreißen, nach vorn tragen und neu einrammen, die Bogenschützen schossen aus extremer Entfernung, etwa 270 Metern. Die französische Reiterei, die den Beschuss hätte stören können, griff erst nach der ersten Salve an, und dann nicht mit der geplanten Zahl.

Die französischen Ritter, die zu Fuß heranrückten, erreichten die englische Linie trotz des Pfeilhagels und drängten sie zurück. Aber sie standen so dicht, dass die Männer in der dritten Reihe kaum ihre Schwerter gebrauchen konnten. Die Bogenschützen legten, als ihnen die Pfeile ausgingen, die Bögen ab und fielen mit Beilen, Schwertern und Holzhämmern über die erschöpften Ritter her. Die Engländer waren im Schlamm leichter und beweglicher, die gestürzten Ritter kamen kaum wieder auf. Heinrich selbst kämpfte Mann gegen Mann, ein Axthieb schlug ein Stück der Krone von seinem Helm.

Langbogenschützen spannen hinter schräg eingerammten Holzpfählen ihre Bögen, während gepanzerte französische Ritter durch tiefen Schlamm auf sie zukämpfen, der Himmel ist grauAI
Die Pfähle, der Schlamm und der Beschuss entschieden die Schlacht.

Ritterlichkeit und Lösegeld

Nach dem Sieg ließ Heinrich die meisten französischen Gefangenen töten, möglicherweise Tausende. Nur die Ranghöchsten wurden verschont, weil sie nach den Regeln der Ritterlichkeit hohes Lösegeld brachten. Die meisten Chronisten schreiben, Heinrich habe gefürchtet, dass die Gefangenen, die ihre Bewacher zahlenmäßig übertrafen, die herumliegenden Waffen nehmen und das erschöpfte englische Heer überwältigen könnten, als sich französische Reserven neu sammelten. Die Chronisten kritisierten den Befehl nicht.

Die englischen Ritter weigerten sich mitzumachen, weil sie es für unritterlich hielten. Der Historiker John Keegan vermutet, es ging nicht darum, möglichst viele zu töten, sondern die Gefangenen einzuschüchtern. Er schätzt, dass nur etwa 200 Bogenschützen daran beteiligt waren und relativ wenige Gefangene starben, bevor die französischen Reserven flohen und Heinrich den Befehl zurücknahm. Wie viele wirklich getötet wurden, wissen wir nicht. Shakespeare hat die Szene später in "Heinrich V." als Bruch mit der Ritterlichkeit gezeichnet.

Französische Adlige in Plattenrüstung sitzen und knien mit gesenkten Visieren als Gefangene auf einem schlammigen Feld, englische Soldaten stehen mit Speeren WacheAI
Gefangene brachten Lösegeld, aber nur die Ranghöchsten wurden verschont.

Ein Streit seit 2005

Die meisten zeitgenössischen Berichte nennen die Engländer als um ein Vielfaches unterlegen. Die Historikerin Anne Curry kam 2005 aufgrund von Verwaltungsunterlagen zu einem anderen Ergebnis: Die Franzosen zählten 12.000, die Engländer 9.000, ein Verhältnis von 4 zu 3. Juliet Barker, Jonathan Sumption und Clifford Rogers widersprachen: Die Unterlagen seien lückenhaft, die Engländer hätten wahrscheinlich rund 6.000 Mann gehabt, davon 5.000 Bogenschützen und 900 bis 1.000 Männer in Rüstung, nach den beiden Augenzeugen aus dem englischen Lager.

Bei den Franzosen sind sich die Forscher einiger: Sie rechnen mit etwa 10.000 Rittern und Waffenknechten, dazu 4.000 bis 5.000 Schützen und Armbrustschützen, zusammen 14.000 bis 15.000, nach Rogers bis zu 24.000, wenn man die bewaffneten Diener mitzählt. Ian Mortimer hält ein Verhältnis von höchstens 15.000 zu 8.000 bis 9.000 für das Äußerste, was glaubwürdig ist. Barker sagt, ein Verhältnis von nur 4 zu 3 mache den von Augenzeugen geschilderten Verlauf "unsinnig". Die Zahlen bleiben also eine Spanne und kein Ergebnis.

Ein Feld ohne Funde

Der genaue Ort ist nicht bekannt. Er liegt vermutlich auf dem schmalen Streifen offenen Landes zwischen den Wäldern von Tramecourt und Azincourt, nahe dem heutigen Dorf. Aber auf diesem traditionellen Gelände fehlen archäologische Funde, und bei Grabungen 2015 fand man nichts, was der Schlacht zugeordnet werden konnte. Deshalb wird vermutet, die Schlacht habe westlich von Azincourt stattgefunden.

Der Historiker Michael Livingston untersuchte dazu Quellen und frühe Karten und plädierte 2019 für einen Ort westlich von Azincourt. Er fand auf alten Karten auch den Flurnamen "Anglais", den er als das Lager Heinrichs in der Nacht vor der Schlacht deutet. Das Dorf selbst erinnert im Museum Centre Azincourt 1415 an die Schlacht und listet dort die Namen der Gefallenen beider Seiten auf. Wo sie tatsächlich lagen, weiß niemand sicher.

Ein gepflügtes Feld liegt im Morgengrauen zwischen zwei dichten Wäldern in Nordfrankreich, Nebel hängt über den Furchen, in der Ferne steht ein steinernes Gedenkkreuz, keine MenschenAI
Wo genau auf diesem Land die Schlacht stattfand, ist bis heute offen.

Eine Generation Adel verlor die Schlacht

Rund 6.000 französische Kämpfer fielen, darunter 90 bis 120 große Herren und Bannerträger, drei Herzöge (Alençon, Bar und Brabant), neun Grafen, ein Erzbischof und der Connétable d'Albret. Die Herolde zählten 3.069 gefallene Ritter und Knappen, dazu mindestens 2.600 weitere Leichen ohne Wappen. Ganze Adelsfamilien starben in der männlichen Linie aus. Gefangen wurden 700 bis 2.200 Männer, darunter die Herzöge von Orléans und Bourbon. Bei den Engländern sind mindestens 112 Gefallene namentlich belegt, der Chronist Monstrelet nennt 600, Wavrin 1.600.

Heinrich kehrte am 16. November nach England zurück und zog am 23. in London im Triumph ein. Der Sieg festigte die Herrschaft des Hauses Lancaster. In Frankreich zerbrach der Waffenstillstand zwischen Armagnacs und Burgundern, die Burgunder marschierten innerhalb von zehn Tagen auf Paris. Das gab Heinrich 18 Monate Zeit für den nächsten Feldzug, und die englische Vorherrschaft hielt 14 Jahre, bis zur Belagerung von Orléans 1429.

Der Überblick auf einen Blick

Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.

EinordnungWas dazugehört
Gut belegtSchlacht am 25. Oktober 1415 bei Azincourt; mindestens sieben Berichte, drei von Augenzeugen; englischer Sieg; Anteil der Bogenschützen von rund 80 Prozent; Schlamm und enge Front; französische Verluste von etwa 6.000, darunter drei Herzöge und der Connétable; Rückkehr Heinrichs nach England am 16. November; Bruch des Waffenstillstands zwischen Armagnacs und Burgundern
ÜberliefertHeinrichs Rede und Befehl zum Töten der Gefangenen (Chronisten, Zahl unbekannt); Ritter, die in ihren Helmen im Schlamm ertranken; der französische Plan, den Bogenschützen zwei Finger abzuschneiden; die Zahl der englischen Gefallenen (112 bis 1.600)
UmstrittenWie viele auf beiden Seiten kämpften (4 zu 3 nach Curry, 4 zu 1 und mehr nach Barker, Sumption, Rogers); wie viele Gefangene getötet wurden; wo genau die Schlacht stattfand (traditioneller Ort oder westlich von Azincourt); ob der Angriff auf den Tross am Anfang oder am Ende der Schlacht stattfand

Ein Bild aus fünf Blickwinkeln

Azincourt zeigt, wie viel an einer berühmten Schlacht offen bleibt. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Heinrich V. als Person, Azincourt als Ort, die Schlacht vom 25. Oktober 1415 als Ereignis, Ritterlichkeit und Lösegeld als Idee, der Langbogen als Objekt. So entsteht in der Season Tales of Chivalry das Gesamtbild einer Zeit, in der die Ritterlichkeit auf dem Schlachtfeld auf die Probe gestellt wurde.

Die Namen der Gefallenen

Nach der Schlacht holte Heinrich die Herolde beider Heere zusammen, die die Schlacht gemeinsam beobachtet hatten, und sie einigten sich auf den Namen: Azincourt, nach der nächsten befestigten Siedlung. Die Herolde zählten die gefallenen Ritter und Knappen, und das Museum in Azincourt führt die Namen der Gefallenen beider Seiten heute noch auf. Die Schlacht gilt als Sieg der Bogenschützen über ein Ritterheer. Ob er auf diesem oder auf jenem Feld errungen wurde, ist nach über 600 Jahren immer noch offen.

Ein Herold in einem Wappenrock schreibt bei Kerzenlicht in einem Zelt auf Pergament eine Liste der Gefallenen, neben ihm liegen Feder und TintenfassAI
Die Herolde beider Heere zählten die Toten und einigten sich auf den Namen der Schlacht.

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HistoryBytes Season 6: Tales of Chivalry
Season 6 · 1050 – 1485 n. Chr.

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