Ramses II.: Riesenstatue entdeckt, was wir wirklich wissen
AIEin Dorfbewohner, ein beschrifteter Stein und ein Pharao, der nach 3.200 Jahren noch Schlagzeilen macht
Ein Mann arbeitete auf einem Stück Land vor seinem Haus in Behbeit el-Hagar, einem Dorf im Gouvernement Gharbia im Nildelta, als er auf einen Block voller Schriftzeichen stieß. Er meldete ihn den örtlichen Behörden. Was danach aus dem Boden kam, waren nach einer Mitteilung des Antikenministeriums die Reste von zwei gewaltigen Königsstatuen, von denen mindestens eine Ramses II. zeigt. Der Minister für Tourismus und Antiken, Sherif Fathy, lobte den Mann: Seine schnelle Meldung zeige, wie viel die Bevölkerung zum Schutz des Erbes beitragen könne.
Kurz gesagt: Mitte Oktober 2026 meldete Ägypten die Funde von zwei Kolossalstatuen im Nildelta, eine davon sicher Ramses II., die andere wahrscheinlich. Der Kopf der ersten ist 1,60 Meter hoch, mit Sockel soll die Statue etwa 8,5 Meter gemessen haben. Unklar bleibt, warum sie in einem Dorf standen, dessen berühmter Tempel fast 900 Jahre nach Ramses gebaut wurde.
AIKopf, Torso und ein Block aus rosa Granit
Das eindrucksvollste Stück ist ein Kopf von etwa 1,60 Metern Höhe, so groß wie ein kleiner Erwachsener. Der König trägt die Doppelkrone, die die weiße Krone des Südens und die rote des Nordens vereint und die Einheit der beiden Landesteile ausdrückt. Neben dem Kopf lag der obere Teil des Rückenpfeilers, des Steinstreifens, der viele Statuen am Rücken stützt. Er trägt den Horusnamen des Königs, Kanacht Mery-Maat, "Starker Stier, Geliebter der Maat", einen der fünf offiziellen Namen jedes Pharaos. Nach Hisham El-Leithy, dem Generalsekretär des Obersten Rats für Altertümer, könnte die vollständige Statue samt Sockel etwa 8,5 Meter hoch gewesen sein, das ist eine Schätzung nach den Proportionen.
Granit ist sehr hart und schwer zu bearbeiten, und Ägyptens rosa Granit wurde vor allem bei Assuan gebrochen, Hunderte Kilometer weiter südlich. Dazu kommt der größte Teil einer zweiten Königsstatue, etwa 2,40 Meter lang, ohne Beine und Sockel, mit dem gestreiften Kopftuch, dem Nemes. Ihre Gesichtszüge sind gut erhalten und ähneln denen des ersten Kopfes, weshalb das Ministerium sie ebenfalls für Ramses II. hält. Eine Inschrift mit seinem Namen nennt die Mitteilung für diese Statue nicht. Als Drittes fand man einen Block aus rosa Granit, etwa 1,30 Meter lang, einen Meter nördlich der zweiten Statue, mit zwei Titeln Ramses II.: "König von Ober- und Unterägypten" und "Sohn des Re".
AIEine Lehre aus Kairo 2017
Wie vorsichtig man mit der Zuordnung sein sollte, zeigt ein Fall von 2017. Im März fand ein ägyptisch-deutsches Team in Matariya, einem Stadtteil Kairos über den Ruinen von Heliopolis, die Fragmente einer Kolossalstatue aus Quarzit, etwa acht Meter hoch, an der Stelle eines alten Tempels Ramses II. Sie wurde zuerst als Ramses selbst vorgestellt. Wenige Tage später zeigte eine Inschrift auf der Rückseite einen Namen von Psammetich I., der von 664 bis 610 v. Chr. regierte, rund sechs Jahrhunderte nach Ramses. Der damalige Antikenminister ließ eine kleine Möglichkeit offen: dass Psammetich eine ältere Statue Ramses' wiederverwendet hatte.
In Behbeit trägt der erste Kopf auf dem Rückenpfeiler tatsächlich den Horusnamen Ramses' II. Für die zweite Statue nennt das Ministerium dagegen keinen Text. Ob diese Zuordnung hält, werden Grabung und Untersuchung zeigen.
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Behbeit el-Hagar und der Tempel, der einstürzte
Schon der Ortsname gibt einen Hinweis: "El-Hagar" heißt auf Arabisch "die Steine", und "Behbeit" kommt vom altägyptischen "Per-Hebyt", etwa "Haus des Festes". Das Dorf liegt am Damiette-Nilarm, rund acht Kilometer westlich von Mansura. Die Steine sind Granitblöcke von einem der seltsamsten Tempel des Deltas: dem Iseum, dem großen Tempel der Isis. Die meisten ägyptischen Tempel bestanden aus Kalk- oder Sandstein, Granit blieb einzelnen Stücken wie Statuen, Obelisken oder Türen vorbehalten. In Behbeit war das ganze Gebäude aus Granit. Nektanebos II. (360 bis 342 v. Chr.), der letzte einheimische Pharao Ägyptens, baute den größten Teil, die Ptolemäer vollendeten ihn, Ptolemaios III. (246 bis 222 v. Chr.) fügte die letzten großen Teile hinzu. Der Ort war kein Zufall: Die Dynastie des Nektanebos, die 30., stammte aus dem nahen Sebennytos, dem heutigen Samanud, und der Tempel war das nördliche Gegenstück zum großen Isis-Heiligtum von Philae im Süden.
Das Gebäude hielt nicht. Nach dem Metropolitan Museum of Art in New York hatte es schon kurz nach dem Bau Probleme mit den Fundamenten, und vielleicht um 24 v. Chr. brachte ein Erdbeben es vollständig zum Einsturz. Seine Steine verteilten sich auf Museen in aller Welt, und das Museum of Fine Arts in Montreal erwähnt, dass eine Platte aus einer seiner Kapellen sogar im großen Isis-Tempel in Rom auftauchte. Zwischen Ramses (um 1279 bis 1213 v. Chr.) und dem Baubeginn liegen fast neun Jahrhunderte, zwei Ramses-Kolosse im Dorf des Nektanebos-Tempels sind also nicht das, was man erwartet.
AIDrei Möglichkeiten, die die Mitteilung offenlässt
Die Mitteilung sagt nicht, ob die Statuen genau an dieser Stelle aufgestellt, von anderswo gebracht oder erst Jahrhunderte später wiederverwendet wurden. Ägyptische Texte erwähnen Behbeit seit dem Neuen Reich, also der Zeit Ramses' selbst, auch wenn es wenig mehr als eine Nebenstelle von Sebennytos gewesen sein mag. Wiederverwendung wäre nicht ungewöhnlich: Im April 2026 meldete das Ministerium eine weitere Ramses-II.-Statue bei Tell el-Faraun im Gouvernement Scharkija, eine massive Kalksteinstatue, die offenbar in der Antike aus der Residenzstadt Pi-Ramesse dorthin gebracht worden war, um in einer religiösen Anlage wiederverwendet zu werden. Sie kam zur Restaurierung in ein Magazin in San el-Hagar. Das entscheidet den Fall Behbeit allerdings nicht.
Die Grabung geht weiter. El-Leithy sagte, man wolle verstehen, wie die Stücke zueinander und zur Fundstelle stehen. Bis dahin steht in der Mitteilung nichts darüber, wann die Statuen fielen und wo sie ursprünglich standen. Auch ein anderer Ramses-Koloss hat eine bewegte Geschichte: Die Statue von Mit Rahina wurde 1820 in sechs Teilen gefunden und am 25. August 2006 als ein Stück bewegt, zehn Stunden lang auf einem Transport, eingehüllt in Schaumgummi.
2026 bringt gleich mehr Ägypten in die Nachrichten: Nur wenige Tage zuvor, am 11. Oktober, wurde das Grab Amenophis' III. nach 20 Jahren wieder für Besucher geöffnet, 14 Meter unter der Erde. Es wurde leer gefunden, ausgeraubt, die Mumie des Pharaos liegt heute zusammen mit 16 weiteren königlichen Mumien im Nationalmuseum der Ägyptischen Zivilisation in Kairo. Der ägyptische Tourismus wächst nach Angaben des Ministeriums um etwa 20 Prozent im Jahr, und Funde wie diese gehören dazu.
66 Jahre auf dem Thron
Ramses II. regierte von etwa 1279 bis 1213 v. Chr., rund 66 Jahre, und starb mit etwa 90. Er gehörte zur 19. Dynastie, sein Vater war Sethos I., seine Hauptstadt hieß Pi-Ramesse (heute Qantir). Seine Hauptfrau Nefertari erhielt einen eigenen Tempel neben Abu Simbel, weitere Frauen waren Isetnofret und die hethitische Prinzessin Maathorneferure, und er soll über hundert Kinder gehabt haben. Sein Thronname Usermaatre-Setepenre heißt etwa "Die Gerechtigkeit des Re ist mächtig, Auserwählter des Re". Wie wir seine Regierungsjahre so genau kennen: Ein Neumond-Datum im 52. Regierungsjahr entspricht nach den meisten Ägyptologen dem 20. Dezember 1228 v. Chr., und daraus ergeben sich der Thronantritt am 31. Mai 1279 v. Chr. und sein Tod im Juli oder August 1213 v. Chr.
Das berühmteste Ereignis seiner Herrschaft ist die Schlacht bei Kadesch im Mai 1274 v. Chr., im fünften Jahr seiner Regierung, gegen die Hethiter unter Muwatalli II. Ramses wurde aus dem Hinterhalt umgangen und fast umzingelt und führte persönlich einen Angriff mit seiner Leibwache. Die Schlacht gilt als eine der größten Streitwagenschlachten der Geschichte und, nach einer Darstellung, als der erste überlieferte militärische Hinterhalt. Ramses selbst nennt 19 hethitische Verbündete, die Muwatalli nach Kadesch brachte. Die Schlacht gilt eher als Unentschieden. In Ägypten ließ Ramses sie dennoch als Sieg darstellen.
AIVom Schlachtfeld zum Vertrag
Rund 15 Jahre nach Kadesch schlossen Ramses und der hethitische König Hattuschili III. einen Vertrag, den ältesten erhaltenen Friedensvertrag der Welt. Er stammt von etwa 1259 oder 1258 v. Chr., im 21. Regierungsjahr Ramses', und ist der einzige Vertrag des Alten Orients, von dem die Fassungen beider Seiten erhalten sind. Er heißt oft "Vertrag von Kadesch", obwohl er die Schlacht nicht erwähnt, und auch "Silbervertrag" oder "Ewiger Vertrag". Er galt, bis das Hethiterreich etwa 80 Jahre später zusammenbrach. Die hethitische Fassung wurde in der Hauptstadt der Hethiter gefunden, und eine Kopie hängt im UN-Hauptquartier in New York.
Dazu kam Heiratspolitik: Ramses heiratete zwei hethitische Prinzessinnen, die erste nach seinem zweiten Sedfest. Und auch die Bauten sind Politik: Abu Simbel entstand wohl zwischen etwa 1264 und 1244 v. Chr., dazu das Ramesseum, Teile von Karnak und Luxor und die Hauptstadt Pi-Ramesse. Die Fassade des Großen Tempels ist rund 33 Meter hoch und 38 Meter breit, vier sitzende Kolosse von je etwa 20 Metern mit Doppelkrone bewachen den einen Eingang, zu ihren Füßen stehen kleinere Figuren der königlichen Familie. Über der Tür sitzt in einer Nische der falkenköpfige Re-Harachte, und den oberen Rand ziert ein Fries aus 22 Pavianen. Heute fehlen der linken Figur Kopf und Oberkörper, sie fielen schon in der Antike, vermutlich bei einem Erdbeben, und liegen zu ihren Füßen.
AIZwei späte Geschichten
Die Griechen machten aus Ramses' Thronnamen "Ozymandias", und Shelley schrieb 1818 darüber ein Gedicht, in dem ein Reisender die Trümmer einer Statue in der Wüste beschreibt, deren Inschrift von der Größe des Herrschers erzählt, während ringsum nichts als Sand ist. Ein zerbrochener Kopf Ramses' in einem Nildelta-Feld passt erstaunlich gut dazu.
Die Mumie hat eine eigene Geschichte. 1974 bemerkten Ägyptologen in Kairo, dass ihr Zustand rasch schlechter wurde, und beschlossen, sie zur Untersuchung nach Paris zu fliegen. Weil das französische Recht für jeden, der einreist, einen Pass verlangte, ob lebendig oder tot, stellten die ägyptischen Behörden Ramses einen Pass aus, mit dem Beruf "König (verstorben)". Im September 1976 wurde die Mumie auf dem Flughafen Paris-Le Bourget mit militärischen Ehren empfangen und in ein Labor des Musée de l'Homme gebracht.
AIDer Überblick auf einen Blick
Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.
| Einordnung | Was dazugehört |
|---|---|
| Gut belegt | Ramses II. regierte etwa 1279 bis 1213 v. Chr.; Kadesch im Mai 1274 v. Chr. als Patt; der Friedensvertrag von 1259/58 v. Chr.; Abu Simbel entstand etwa 1264 bis 1244 v. Chr.; der Kopf in Behbeit trägt den Horusnamen Ramses' II.; der Granitblock trägt zwei seiner Titel; der Pass von 1976 |
| Überliefert | Die hundert Kinder; die Höhe von 8,5 Metern (eine Schätzung nach Proportionen); die Kopie des Vertrags im UN-Hauptquartier; dass Ramses persönlich bei Kadesch angriff |
| Offen | Ob die zweite Statue Ramses II. zeigt; wann und wie die Statuen nach Behbeit kamen; ob sie dort ursprünglich standen oder wiederverwendet wurden; ob ein Zusammenhang mit dem Tempel des Nektanebos besteht |
Ein Bild aus fünf Blickwinkeln
Der Fund zeigt, wie viel hinter einem Namen steckt. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: Ramses II. als Person, Pi-Ramesse und Behbeit el-Hagar als Orte, die Schlacht bei Kadesch 1274 v. Chr. als Ereignis, Selbstdarstellung und Propaganda als Idee, die Kolossalstatue als Objekt. So entsteht in der Season Pharaos of Egypt das Gesamtbild einer Zeit, in der Pharaonen ihre Macht in Stein setzten.
Ein König, der sich in Stein setzte
Am Ende steht ein Pharao, der sich selbst überlebt hat. Er ließ sich auf Statuen, Tempelwänden und in Verträgen verewigen, und 3.200 Jahre später findet ein Dorfbewohner beim Umgraben seinen Namen. Dass die Statuen im Delta liegen, an einem Ort, den Ramses selbst kaum im Blick hatte, ist das Interessanteste an der Meldung: Die Steine haben ihre eigene Geschichte, länger als die des Königs, den sie darstellen. Wie sie dorthin kamen, wissen wir noch nicht.
AIErlebe das alte Ägypten in HistoryBytes

Pharaohs of Egypt
Von Pharaonen und Pyramiden bis zu den Geheimnissen des Nils — in der Season Pharaos of Egypt wird das alte Ägypten lebendig. Story-Kampagnen, Quiz und echte Immersion in eine Welt aus Macht, Glauben und Geheimnissen.
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