Toyotomi Hideyoshi: Der Bauer, der Japan einte und China wollte
AIDer Mann, den sein eigener Herr "Affe" nannte
Er war klein, hager, mit einem Gesicht, das seinen Herrn Oda Nobunaga an einen Affen erinnerte. Nobunaga nannte ihn "Saru", Affe, und manchmal auch "kahle Ratte". Er hatte keine Ahnen, auf die er sich berufen konnte, keinen Familiennamen von Gewicht, keine Burg. Sein Vater war ein einfacher Fußsoldat, ein Ashigaru, der den Samurai als Bauer im Kriegsdienst zur Hand ging.
Wenige Jahrzehnte später beherrschte genau dieser Mann ganz Japan. Er ließ eine Burg bauen, größer als alles, was das Land bis dahin gesehen hatte, entwaffnete die Bauern des ganzen Landes per Gesetz und schickte Heere von weit über hunderttausend Mann über das Meer nach Korea. Toyotomi Hideyoshi ist der zweite der drei großen Reichseiniger Japans, und vermutlich der, an dem sich am deutlichsten zeigt, wie schnell ein Aufstieg ohne jede Absicherung gelingen kann und wie schwer es ist, ihn zu behalten.
AIWarum Nobunaga ausgerechnet auf ihn setzte
Hideyoshi stammte nach der Überlieferung aus dem Dorf Nakamura in der Provinz Owari, derselben Region, aus der auch Nobunaga kam. Er trat in dessen Dienst und stieg, Schritt für Schritt, zu einem seiner fähigsten Generäle auf, zunächst unter dem Namen Kinoshita, später als Hashiba Hideyoshi. In einer Zeit, in der Rang fast vollständig von der Geburt abhing, war das eine Ausnahme, die sich nur in der Sengoku-Epoche erklären lässt: Das Land befand sich seit rund einem Jahrhundert im Bürgerkrieg, und wer Erfolg hatte, wurde gebraucht, egal woher er kam.
Nobunaga ging mit dieser Gabe rücksichtslos praktisch um. Er verspottete Hideyoshi öffentlich für sein Aussehen und setzte ihn trotzdem an die Spitze von Feldzügen. Hideyoshi nahm die Spitznamen pragmatisch hin. Später, als Herrscher, mied er sie, doch in den Chroniken blieben sie hängen und prägen das Bild des "Affen" bis heute, eines flinken, schlauen, ständig überraschenden Aufsteigers, der Gegner eher überlistete als überrannte.
Auch privat begann er ganz unten. Seine Frau Nene heiratete ihn, als er noch unter dem Namen Kinoshita Tōkichirō bekannt und alles andere als berühmt war, gegen den Widerstand ihrer eigenen Mutter, die an dem großen Standesunterschied Anstoß nahm. Nene blieb bis zu seinem Tod an seiner Seite.
1582: Honnō-ji und das Rennen um Nobunagas Erbe
Im Sommer 1582 brach alles zusammen, worauf Nobunagas Reich gebaut war. Sein Vasall Akechi Mitsuhide wandte sich im Tempel Honnō-ji gegen ihn, Nobunaga und sein ältester Sohn Nobutada kamen ums Leben. Plötzlich war die mächtigste Figur Japans tot, und Dutzende Generäle standen vor derselben Frage: Wer führt weiter?
Hideyoshi reagierte schneller als alle anderen. Er schloss Frieden mit dem Mōri-Clan, gegen den er gerade im Westen im Feld stand, wandte sich um und stellte Akechi Mitsuhide in der Schlacht von Yamazaki. Akechi wurde geschlagen und kam kurz darauf ums Leben, und Hideyoshi hatte erreicht, was kein anderer Nobunaga-General schaffte: Er hatte den Mörder seines Herrn besiegt und sich damit die moralische Führung gesichert. Das ist der eigentliche Kern seines Aufstiegs. Nicht Geburt, nicht Reichtum, sondern Tempo und ein klar erkennbarer Anlass, hinter dem sich andere versammeln konnten.
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Die größte Burg Japans, gebaut auf den Ruinen einer Tempelfestung
Schon ein Jahr nach Yamazaki, 1583, ließ Hideyoshi mit dem Bau der Burg Osaka beginnen, errichtet auf dem Gelände des Ishiyama-Hongan-ji, einer Tempelfestung, die Nobunaga zerstört hatte. Sie wurde die größte und mächtigste Burg Japans und sollte die westlichen Zugänge nach Kyoto sichern, ein unübersehbares Signal an jeden Rivalen, wer künftig hier das Sagen hatte.
AIKomaki und Nagakute: ein Unentschieden mit Folgen
1584 stellte sich ihm ein Mann entgegen, der später alles erben sollte: Tokugawa Ieyasu. Gemeinsam mit Oda Nobukatsu, dem zweiten Sohn Nobunagas, trat er gegen Hideyoshi an, und bei Komaki und Nagakute endete das Kräftemessen unentschieden. Hideyoshis Truppen steckten dabei sogar einen schweren Schlag ein. Es war kein klarer Sieg für den Mann, der Nobunagas Nachfolge beanspruchte.
Hideyoshi reagierte, wie er es immer tat: Er wechselte von der Gewalt zur Diplomatie. Er schloss Frieden mit Nobukatsu und Ieyasu, doch Ieyasu weigerte sich weiterhin, sein Vasall zu werden. Also schickte Hideyoshi ihm seine jüngere Halbschwester Asahi, die Ieyasu 1586 heiratete, und seine eigene Mutter als Geiseln, und schließlich erkannte Ieyasu Hideyoshi als Oberherrn an. Der Mann, der später das Erbe antreten sollte, beugte sich ihm vorerst. Er wartete ab.
Kampaku, ein neuer Name und nie ein Shōgun
1585 wurde Hideyoshi zum Kampaku ernannt, dem kaiserlichen Regenten, einem Amt, das bis dahin dem Hofadel vorbehalten war. Er war der erste Mann ohne Hofadelsherkunft in der Geschichte Japans, der es erhielt. Seine Herkunft deckte er mit den Mitteln des Hofes zu: Er strebte eine Abstammung aus der Fujiwara-Familie an und wurde vom Hofadligen Konoe Sakihisa adoptiert. 1586 verlieh ihm der Hof den Familiennamen Toyotomi, und aus Hashiba Hideyoshi wurde der Mann, den wir heute kennen.
Den Titel des Shōgun erhielt er nie, genau wie Nobunaga vor ihm. Stattdessen sicherte er sich eine Kette hoher Hoftitel. Am 9. Mai 1588 empfing er Kaiser Go-Yōzei im Jurakutei-Palast, ein aufwendig inszenierter Besuch, der als Höhepunkt seiner Laufbahn gilt. Ein Bauernsohn lud den Kaiser zu sich ein.
Schwertjagd, Landvermessung und das Ende sozialer Aufstiege
Hideyoshi stellte ein Land neu auf, das er selbst in seiner alten Form nie gekannt hätte. Zwischen 1582 und 1598 ließ er ganz Japan vermessen, die sogenannte Taikō-Landvermessung: Jedes Reisfeld wurde erfasst, bewertet und einem Steuerzahler zugeordnet. Damit nahm er den lokalen Eliten die Kontrolle über Landbesitz und Steuereinnahmen aus der Hand.
1588 folgte der zweite, noch folgenreichere Schritt, die "Schwertjagd" (Katanagari). Der Erlass untersagte den Bauern aller Provinzen den Besitz von Schwertern, Kurzschwertern, Bögen, Speeren, Feuerwaffen und anderen Waffen. Offiziell sollte aus dem eingesammelten Metall ein riesiger Buddha gegossen werden. In Wirklichkeit entzog Hideyoshi den Bauern damit die Möglichkeit zum Aufstand, und er schloss gleichzeitig die Tür hinter sich: Wer als Bauer geboren wurde, blieb ein Bauer, wer als Samurai geboren wurde, ein Samurai. Der Grundsatz der Trennung von Kriegern und Bauern, "Heinō Bunri", wurde Gesetz. Der Mann, dessen eigener Aufstieg nur durch das Chaos möglich war, sorgte dafür, dass es nie wieder einen wie ihn geben würde.
AIOdawara 1590: Wie Japan ohne große Schlacht vereint wurde
Bevor es nach Odawara ging, hatte Hideyoshi das Land Stück für Stück zusammengesetzt: 1585 unterwarf er die Insel Shikoku, 1587 folgte Kyūshū im Südwesten.
Die letzte große Hürde auf dem Weg zur Einigung war der Hōjō-Clan im Osten, die letzte unabhängige Macht des Landes, verschanzt hinter den Mauern der Burg Odawara. Hideyoshi griff nicht an. Er belagerte die Festung mit Geduld, und mit Theater: Vor den Toren ließ er ein Teefest abhalten, lud fahrende Händler ein und errichtete eine provisorische Stadt, als wolle er den Belagerten zeigen, dass er alle Zeit der Welt hatte.
Nach etwa drei Monaten kapitulierten die Hōjō. 1590 war Japan, erstmals seit mehr als einem Jahrhundert, unter einer einzigen Herrschaft vereint, acht Jahre nach Nobunagas Tod. 1591 schlug er außerdem noch den Kunohe-Aufstand im Norden nieder. Die Einigung hing allerdings sehr stark an einer einzigen Person, und genau das sollte sich bald zeigen.
AIKorea, 1592: Warum Hideyoshi sich verrechnete
Mit Japan vereint, griff Hideyoshi nach mehr. Er wollte China erobern, ein Gedanke, den schon Nobunaga erwogen hatte, und verlangte von Korea, seinen Truppen den Durchmarsch zu erlauben. Eine koreanische Gesandtschaft reiste 1590 nach Kyoto, kehrte aber mit widersprüchlichen Eindrücken zurück: Kim Sŏngil hielt Hideyoshis Absichten für friedlich, Hwang Yun-gil sah eine Bedrohung, und am Hof in Seoul wurde deshalb kaum etwas vorbereitet. Als Korea ablehnte, landete im Frühjahr 1592 ein Heer von rund 150.000 Mann bei Busan. Der Anfang war beeindruckend: Städte wie Seoul und Pjöngjang fielen, die Truppen kamen schnell voran.
Dann kippte es. Admiral Yi Sun-sin zerstörte mit gepanzerten "Schildkrötenschiffen" die japanischen Nachschublinien, ein großes Heer aus Ming-China griff in den Krieg ein, und lokale Aufständische machten den Besatzern das Leben schwer. Nach gescheiterten Friedensgesprächen schickte Hideyoshi 1597 eine zweite, begrenztere Invasion mit rund 140.000 Mann, doch auch sie blieb ohne Erfolg. Die Kosten waren enorm, an Menschen und an Geld, und sie schwächten die Herrschaft der Toyotomi im eigenen Land. In Korea gilt Hideyoshi bis heute als brutaler Invasor, einer der prägendsten Feinde der koreanischen Geschichte.
AIDie letzten Jahre, ein Fünfjähriger und fünf Regenten
Auch zu Hause lief es in Hideyoshis letzten Jahren schlechter, und vieles begann mit dem Jahr 1591. Im Februar starb sein Halbbruder Hidenaga, der ihn auf vielen Feldzügen begleitet hatte, im selben Jahr der Teemeister Sen no Rikyū, und im September auch sein einziger Sohn Tsurumatsu. Manche Historiker sehen darin einen Wendepunkt: Mit Hidenaga und Rikyū fehlten zwei Menschen, die seine Entscheidungen noch hatten beeinflussen können, und danach folgten der Korea-Feldzug und die Säuberung rund um seinen Neffen.
Ohne eigenen Sohn adoptierte Hideyoshi im Januar 1592 seinen Neffen Hidetsugu als Erben und überließ ihm kurz darauf das Amt des Kampaku, er selbst führte fortan den Titel Taikō, den eines zurückgetretenen Regenten. Dann wurde 1593 doch noch ein leiblicher Sohn geboren, Hideyori, und aus dem Nachfolger wurde ein Problem. 1595 zwang Hideyoshi Hidetsugu in den Selbstmord, und auch dessen Familie wurde ausgelöscht. Eine verbreitete Deutung sieht darin ein Zeichen, dass seine politische Urteilskraft im Alter nachließ. Dazwischen leistete er sich kuriose Ausflüge in die Kunst: 1594 ließ er Theaterstücke über sein eigenes Leben schreiben und stand selbst in der Hauptrolle auf der Bühne, vor ausgewähltem Publikum aus Adel und Fürsten.
Am 18. September 1598 starb Hideyoshi auf der Burg Fushimi. Sein Sohn Hideyori war erst fünf Jahre alt. Um dessen Nachfolge zu sichern, hatte Hideyoshi einen Rat aus fünf mächtigen Fürsten eingesetzt, darunter Tokugawa Ieyasu. Seine letzten Anweisungen lauteten, Hideyori zu schützen, die Truppen aus Korea abzuziehen und die Fürsten zusammenzuhalten. Sein Tod wurde zunächst geheim gehalten, um den Rückzug geordnet zu organisieren, und auf diesem Rückzug fiel Admiral Yi Sun-sin, der Mann, der Korea gerettet hatte, durch eine verirrte Kugel. Im Reich selbst geriet das Gleichgewicht ins Wanken, sobald Hideyoshis Tod bekannt wurde. 1600 setzte sich Ieyasu in der Schlacht von Sekigahara durch, und 1615 fiel nach der Belagerung von Osaka auch Hideyori. Das Reich, das Hideyoshi in nur acht Jahren geeint hatte, überlebte ihn um knapp zwei Jahrzehnte.
AIDrei Männer, ein Sprichwort
In Japan gibt es ein bekanntes Sprichwort, das die drei großen Reichseiniger in einem Bild zusammenfasst: Nobunaga habe den Reiskuchen geknetet, Hideyoshi ihn gebacken, und Tokugawa Ieyasu habe ihn gegessen. Es ist ungerecht und trifft doch einen Kern. Nobunaga brach die alte Ordnung, Hideyoshi baute daraus ein geeintes Land, und Ieyasu übernahm das Ergebnis und machte daraus eine Ordnung, die über 250 Jahre hielt. Hideyoshi war damit der Mittelteil einer Staffel, und gleichzeitig derjenige, ohne den die Übergabe an Ieyasu nicht möglich gewesen wäre.
AIEin Bild aus fünf Blickwinkeln
Eine Person allein erklärt noch keine Epoche. In HistoryBytes ist jede Season deshalb in fünf Kategorien aufgeteilt, und Hideyoshis Geschichte passt in alle fünf: Er selbst als Person, die Burg Osaka als Ort, die Schlacht von Yamazaki als Ereignis, die Trennung von Kriegern und Bauern als Idee, die eingesammelten Schwerter als Objekt. So entsteht in der Season Whispers of the Samurai das Gesamtbild einer Zeit, wie die Menschen gelebt, gekämpft und gedacht haben, nicht nur eine Liste berühmter Namen.
Vom Affen zum Taikō
Hideyoshis Geschichte ist die eines Mannes, der alles konnte, was man zum Aufstieg braucht, und fast nichts von dem, was man braucht, um das Erreichte zu halten. Er war schneller, klüger und flexibler als alle, die ihn umgaben, und er verstand, wie man ein Land verwaltet. Doch er kannte kein Maß, und am Ende hing das gesamte Gefüge an seinem Leben. Dass Japan danach über Jahrhunderte stabil blieb, verdankt es dem Mann, der sein Werk übernahm. Die Grundlagen dafür hatte der "Affe" gelegt.
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