Wikinger-Hörnerhelm: Mythos und woher er stammt
AIDer berühmteste Helm, den es nie gab
Ein Wikinger ohne Hörnerhelm sieht für viele aus wie ein Wikinger ohne Schiff. Auf Postkarten, in Comics, in Filmen und auf Fußballfeldern sind die Hörner so selbstverständlich wie der Bart. Das Merkwürdige daran: In den Gräbern, auf den Bildsteinen und in den Schriftquellen der Wikingerzeit findet sich keine Spur davon.
Die Wikingerzeit reicht etwa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert, ihr Ende setzt man oft mit 1066 an, der Schlacht von Hastings und der Zerstörung von Haithabu. Kurz gesagt: Es ist nie ein Wikingerhelm mit Hörnern gefunden worden. Die Wikinger trugen einfache Helme aus Eisen oder Leder, oder gar keinen. Echte gehörnte Helme gab es im Norden, aber mehr als tausend Jahre vor den Wikingern, als Kultgerät. Das Bild des Hörnerhelm-Wikingers stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Romantik und von der Opernbühne.
AIDer Helm von Gjermundbu
Das wichtigste Stück stammt aus Norwegen. Im März 1943 stieß Gunnar Gjermundbo beim Roden eines Feldes auf dem Hof Gjermundbu bei Haugsbygd in Ringerike auf ein reiches Grab. Darin lagen unter anderem ein Helm und ein Kettenhemd, der Fund gilt als einzigartig: Kein anderes Grab in Skandinavien und Westeuropa enthielt beides. Der Helm ist eine runde Eisenkappe aus vier Segmenten, die durch Eisenstreifen verbunden sind, mit einem Schutz um Augen und Nase, einer Brille, und einem Behang aus Ringen für den Nacken. Er wird auf das 10. Jahrhundert datiert, vermutlich um 970, und hat keine Spur von Hörnern.
Er steht außerdem nicht allein: Nur fünf Wikingerhelme sind überhaupt bekannt, neben Gjermundbu die von Tjele, Yarm, Lokrume und ein Fragment aus Kiew, und nur zwei ließen sich rekonstruieren, Gjermundbu und der Helm von Yarm in England, dessen Datierung nach manchen Angaben sogar vor die Wikingerzeit reicht. In Darstellungen der Wikingerzeit erscheinen Krieger barhäuptig oder mit schlichten Helmen aus Eisen oder Leder.
AIMeist gar keinen Helm
Die meisten Wikinger hatten vermutlich gar keinen Helm. Der gewöhnliche Krieger kämpfte mit Speer und Schild, Rüstung und Helm trugen eher Adlige und ihre tapfersten Männer. Nach einer Einschätzung sind Helme deshalb so selten gefunden worden, weil sie sehr teuer waren und nur Adlige und ihr Gefolge sie trugen. Spuren gibt es trotzdem: Der Helmteil von Lokrume auf Gotland, aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, schützte Augenbrauen und Nase und trägt Silbereinlagen, das passt zu einem hochrangigen Besitzer. Auf dem Bildstein von Stora Hammars sieht man Männer mit spitzen Köpfen, die viele für Helme halten, und auf dem Middleton-Kreuz in England aus dem 10. Jahrhundert steht ein skandinavischer Krieger mit einem Kegelhelm und angearbeitetem Nasenschutz.
Die Helmformen wandelten sich: Brillenhelme wie der von Gjermundbu waren bis etwa 1000 in Gebrauch, im 11. Jahrhundert setzten sich Kegelhelme mit Nasenschutz durch. Sie zeigt auch der Teppich von Bayeux, der die Normannen von 1066 zeigt, Nachfahren der Wikinger, und der Moment, in dem Wilhelm der Eroberer seinen Helm hob, um seinen Truppen zu zeigen, dass er noch lebte, ist ein Hinweis darauf, wie anonym solche Helme machten. Im Alltag trugen die Menschen Mützen aus Wolle, Leder oder Fell.
Die echten gehörnten Helme des Nordens
Ganz ohne Hörner war der Norden nicht. Im Jahr 1942 fand man in einem Moor bei Veksø in Dänemark zwei Bronzehelme mit gebogenen Hörnern, rund 900 v. Chr. entstanden, also etwa 1.700 Jahre vor der Wikingerzeit. Sie gelten als Kultgerät, nicht als Kriegsausrüstung, und solche Helme waren in Skandinavien vor 3.700 bis 2.500 Jahren wohl nicht selten. Eine Untersuchung führt das Metall auf Sardinien zurück. Auch später tauchen Hörner auf: als Kopfschmuck tanzender Gestalten auf gestanzten Platten der Vendelzeit (Torslunda, Sutton Hoo, 6. und 7. Jahrhundert) und auf wenigen Bildern wie dem Oseberg-Teppich (vor 834), jeweils in kultischem Zusammenhang. Mehr zu den Torslunda-Platten gibt es im Artikel über die Berserker.
Dazu kommen antike Schriftsteller, die nordeuropäische Völker mit Helmen beschrieben, die mit Hörnern, Flügeln und Geweihen geschmückt waren. Zusammen mit Funden, die man im 19. Jahrhundert für wikingerzeitlich hielt und die sich später als älter erwiesen, ergab das einen Nährboden für das Bild.
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Von Malmström zu Wagner
Die Spur führt ins 19. Jahrhundert. Der schwedische Künstler Gustav Malmström zeichnete Wikinger-Krieger in den 1820er-Jahren, nach manchen Angaben schon 1820, mit gehörnten Helmen für ein Buch über die nordische Sagenwelt. Der Durchbruch kam 1876: Bei der ersten vollständigen Aufführung von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" in Bayreuth entwarf der Kostümbildner Carl Emil Doepler Helme mit Hörnern für die germanischen Figuren. Der Ring handelt von Göttern und Helden der germanischen Sage, nicht von den Wikingern, aber die Bilder wanderten dorthin. Auch spätere Ausgaben der Frithiofs-Saga und Sagenbücher von 1878 gaben dem Helden Hörner.
Von dort ging es weiter in Plakate, Comics, Filme und Fanartikel. Ein Mythos von 1876, der bis heute jedem zweiten Wikinger auf den Kopf gesetzt wird.
AIDer Überblick auf einen Blick
Zum Schluss die Kurzfassung, damit zwischen Fakt und Erzählung nichts verwischt.
| Einordnung | Was dazugehört |
|---|---|
| Gut belegt | Der Helm von Gjermundbu (1943 gefunden, um 970 datiert) hat keine Hörner; nur fünf Wikingerhelme sind bekannt; die Helme von Veksø (um 900 v. Chr.) sind gehörnt und viel älter; Doepler entwarf 1876 gehörnte Helme für Wagners "Ring" in Bayreuth |
| Überliefert | Dass Malmström schon 1820 gehörnte Krieger zeichnete (je nach Quelle 1820er); gehörnte Figuren auf dem Oseberg-Teppich (vor 834); antike Beschreibungen gehörnter Helme bei nördlichen Völkern |
| Mythos | "Wikinger trugen Hörnerhelme"; dass Hörner im Kampf nützlich waren; dass Wagners Figuren Wikinger sind |
Ein Bild aus fünf Blickwinkeln
Der Hörnerhelm zeigt, wie ein Bild stärker sein kann als die Funde. In HistoryBytes ist jede Season in fünf Kategorien aufgeteilt, und diese Geschichte berührt alle fünf: der Bauer Gunnar Gjermundbo als Person, Ringerike als Ort, die Bayreuther Ring-Aufführung 1876 als Ereignis, das erfundene Wikingerbild als Idee, der Helm von Gjermundbu als Objekt. So entsteht in der Season Viking Sagas das Gesamtbild einer Zeit, in der Mythos und Wirklichkeit oft verwechselt werden.
Ein Helm ohne Hörner, ein Mythos mit Flügeln
Der wirkliche Wikingerhelm ist unscheinbar: rund, aus Eisen, mit einem Schutz um Augen und Nase. Er sieht weniger beeindruckend aus als der von der Bühne, und gerade deshalb ist er überzeugend. Das Bild mit den Hörnern bleibt, weil es eindrücklicher ist als die Wirklichkeit. Wer genau hinsieht, findet in den Funden ein anderes Bild: Krieger, die praktisch ausgerüstet waren, mit Helmen, die Schläge abhielten, und mit Hörnern allenfalls im Kult, lange vor ihnen.
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Viking Sagas
Von Machtkämpfen bis zu Entdeckungsfahrten — in der Season Viking Sagas wird das Zeitalter der Nordmänner lebendig. Story-Kampagnen, Quiz und echte Immersion in eine Welt aus Eroberung, Verrat und neuen Horizonten.
5 Episoden gratisDie ersten 5 Episoden sind gratis, Premium schaltet den Rest frei.



